Mit Rockern durchs Weltkulturerbe

Die bolivianische Band Oil tourt durch Europa und gibt am Samstag auch in St. Gallen ein Konzert. Vor ihrem Auftritt haben die vier Rocker gestern die Stiftsbibliothek besucht und über die lange Geschichte der Stadt gestaunt.

Roger Berhalter
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Cochabamba meets St. Gallen: Oil mit Sänger Marcelo Navia (2. v. r.). (Bild: Coralie Wenger)

Cochabamba meets St. Gallen: Oil mit Sänger Marcelo Navia (2. v. r.). (Bild: Coralie Wenger)

«Wow, eintausendvierhundert Jahre!» Marcelo Navia ist fasziniert von der Zahl auf dem Plakat zum Gallusjubiläum. Der Rocksänger aus Cochabamba kann nur darüber staunen, wie alt St. Gallen schon ist. In seinem Heimatland begann die Geschichtsschreibung erst vor 500 Jahren, nachdem Christoph Kolumbus die Neue Welt betreten hatte. Jetzt schlurft Marcelo Navia in Filzpantoffeln über den Holzboden der Stiftsbibliothek und betrachtet ehrfürchtig die alten Handschriften. «Ein magischer Ort», schwärmt er. «Man spürt die Disziplin und die Hingabe der Leute, die diese Bücher geschrieben haben.»

Die Mumien sind anders

Sein Bandkollege Javier Aguilar sucht derweil den historischen Globus beim Eingang nach Bolivien ab. Doch der Name fehlt auf der 1570 geformten Weltkugel. Immerhin findet der Gitarrist die Stadt Potosí und den Titicacasee. «Unsere Geschichte ist noch jung», sagt Aguilar und staunt über die herausgeputzte Stiftsbibliothek. «Bei uns haben wir keine so gut erhaltenen Sachen. Auch unsere Mumien sind anders», sagt er und krümmt sich in die Embryostellung. Hinter ihm liegt ausgestreckt die ägyptische Schepenese im Sarkophag.

Hard-Rock und Country-Blues

Der Besuch in der St. Galler Stiftsbibliothek gehört für die bolivianischen Rocker zum kulturellen Austauschprogramm. Denn die Band Oil will nicht (nur) Musik und Party machen, sondern auch kulturell etwas mitnehmen. In ihrer Heimat sind die vier Bolivianer ein wichtiger Teil der (Rock-)Musikszene. Mit ihrer Mischung aus Hard-Rock und Country-Blues sowie aufwendig produzierten Videoclips sind Oil in Südamerika bekannt geworden. Die Schweiz sehen sie nun zum erstenmal, St. Gallen sowieso. Doch neben dem Stiftsbezirk kennen sie bereits den «Engel» und das «Drahtseilbähnli».

Ein Visum für 40 Tage

Die Kontakte in der Schweiz hat der zwischen hier und Bolivien pendelnde Musiker Willy Claure vermittelt. Ein Visum zu bekommen war nicht einfach. «Viel zu viel Papierkram», sagt Sänger Marcelo Navia und lacht. «Wir haben diese Tour lange vorbereitet.» Nun dürfen Oil für 40 Tage als Künstler durch Europa reisen. Zwei Konzerte in La Chaux-de-Fonds liegen hinter ihnen, es folgt ein Auftritt in der Grabenhalle, danach geht's weiter nach Brüssel, vielleicht Paris, und schliesslich Genf, bevor Mitte September wieder die Heimat ruft.

Sa, 22 Uhr, Grabenhalle

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