Mit Musik die Zeit besiegen

Auf ihrem Album «Love Comes Close» haben Cold Cave den Minimalismus kultiviert. Morgen spielen sie ihren kalten Minimal Wave im Palace.

David Gadze
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Für viele ist die Musik der einzige Weg, um aus Strukturen auszubrechen. So auch für Wesley Eisold, der mit Hardcore-Bands wie American Nightmare, Some Girls, Skeletons oder Give Up The Ghost erste Fussabdrücke in der Musiklandschaft hinterliess, sich aber je länger, je mehr orientierungslos fühlte. Das hatte weniger mit musikalischer Einengung – Eisold konnte weder ein Instrument spielen noch komponieren – als mit inhaltlichem Ausdruck zu tun.

Flüge in den Abgrund

Bei Cold Cave habe er sich weniger um die Qualität seines musikalischen Könnens und des Sounds kümmern müssen, sagte er in einem Interview, sondern mehr um die Emotion und alles andere, was er nicht ausleben oder mitteilen konnte – den Leuten, mit denen er spielte, und der Welt im allgemeinen. Angetrieben vom Gefühl der ungenutzt und unwiderruflich verlorenen Zeit, fing Eisold an, auf einem Casio-Synthesizer den Klangteppich für seine Flüge in den Abgrund zu knüpfen und Musik zu machen, die er sich selber anhören würde, wie er sagt.

Mit Dominick Fernow, der unter dem Namen Prurient die Noise-Szene der letzten Jahre prägte, und Caralee McElroy, die für Cold Cave Xiu Xiu den Rücken kehrte, fand er die Partner, die ihm seine Ideen in Musik übersetzen halfen. Das Ergebnis ist dunkel-kalter Minimal Wave, wie er sich zu Beginn der 80er aus der Asche von Punk erhoben hatte.

Vertonter Minimalismus

Die Kälte, Trostlosigkeit und Entfremdung jener Epoche findet sich auch bei Cold Cave wieder. In ihren Texten und der Musik schwingt diese suizidale Grundstimmung mit, die – so abgedroschen der Vergleich nach den haufenweise vermeintlich traurigen Nu-New-Wave-Bands der letzten Jahre auch sein mag – schon Joy Division und Ian Curtis so einzigartig machte und oft kopiert wurde, aber nie authentisch war.

Gewiss, auch Cold Cave sind nicht die neuen Joy Division, dazu fehlt ihnen sowohl die Kraft als auch der unaufhaltsame Drang in den Abgrund. Aber sie sind ehrlich. Ihr letztes Jahr erschienenes Début «Love Comes Close», das erst in kleiner Auflage bei Eisolds eigenem Verlag für Untergrund-Kunst, Heartworm Press, veröffentlicht und dann von Matador neu herausgegeben wurde, ist vertonter Minimalismus, nicht gespielt uninspiriert, sondern auf herrlich ungekünstelte Weise kultiviert.

Die Dissonanzen, die durch die dunklen Adern der Songs fliessen und an Bands wie Throbbing Gristle oder Cabaret Voltaire erinnern, sind nichts weiter als das Abbild des Lebens.

Der Zeit etwas entgegensetzen

So geben auch die Gegensätze und Widersprüche, denen die Gruppe aus Philadelphia gar nicht erst auszuweichen versucht, dem Werk ein Gleichgewicht. Der Zeit davonlaufen kann Eisold auch mit Cold Cave nicht. Aber er setzt ihr etwas entgegen, das sie überdauern wird.

Morgen Sa, Palace St. Gallen, 22 Uhr