Mit Mönchen auf Zeitreise

Wie Mönche aus dem Kloster St. Gallen auf dem Weg nach Rom erstmals eine Gitarre hörten, Meerwasser schmeckten und eine Babyklappe entdeckten: Das Stiftsarchiv St. Gallen präsentiert Reisetagebücher aus den Jahren 1696–1748.

Beda Hanimann
Merken
Drucken
Teilen
Peter Erhart, Luigi Collarile (Hrsg.): Itinera Italica, Folio Verlag 2015, 247 S., Fr. 69.–

Peter Erhart, Luigi Collarile (Hrsg.): Itinera Italica, Folio Verlag 2015, 247 S., Fr. 69.–

Auch vor der üppigen Tafel erfüllt der Sekretär seine Aufgabe pflichtbewusst. Von Punkt 1 bis Punkt 18 numeriert er durch, was der Fürst von Modena auftragen lässt. Die Aufzählung reicht von Artischocken über «Edelkäse in der Form grosser Birnen», «extragrosse rauchgetrocknete Würste», Drosseln und andere Vögel bis zu Trüffeln und einem ganzen Kälbchen.

Das Festmahl gilt Coelestin Sfondrati, vormals Fürstabt von St. Gallen, der im Januar 1696 unterwegs nach Rom ist, um die Kardinalswürde zu empfangen. Die Aufmerksamkeit des Fürsten aber ist ihm zu viel des Guten, wie Pater Hermann Schenk, der Sekretär, notiert: «Nachdem er seinen Begleitern die Erlaubnis gegeben hatte, zu nehmen, was ihnen am meisten zusprach, schickte er das Übrige den Bettelmönchen der Stadt Modena.»

Hundertmal lieber in St. Gallen

Die Episode steht beispielhaft für die Ambivalenz der Reise. Sie wurde zum Triumphzug für Sfondrati, der als künftiger Papst gehandelt und in Dörfern und Städten von berittenen Eskorten und Kanonenschüssen empfangen wurde. Pomp und Saus und Braus der katholischen Welt werden in Schenks Reisenotizen hautnah erlebbar – ebenso wie die Zurückhaltung, die Sfondrati dem entgegenbrachte. Oft liess er sich verleugnen, um Empfängen von Fürsten und Herzogen zu entgehen.

In Rom unterzog er sich seinen Pflichten als Würdenträger («Er brachte den ganzen Tag damit zu, Besucher zu empfangen und vorzulassen», schreibt Schenk am 14. Februar), kritisierte aber die Oberflächlichkeit seiner neuen Umgebung. «Ich wäre hundertmal lieber in Sankt Gallen in meiner Kammer», klagt er gegenüber dem Sekretär. Am 4. September 1696 starb Sfondrati in Rom.

Muster des heutigen Tourismus

Das lateinisch abgefasste Tagebuch der Sfondrati-Reise ist nun zusammen mit drei weiteren Reiseberichten aus dem Stiftsarchiv St. Gallen in einem betörend schönen Buch mit eingehefteten Faksimiles zugänglich, in deutscher und italienischer Übersetzung. Es lässt die Welt geistlicher und weltlicher Würdenträger um 1700 aufleben und gibt ein Bild von der Verehrung von Potentaten, die dem Prominentenkult von heute gar nicht so unähnlich ist.

Von einer anderen Welt zeugen die drei übrigen Tagebücher, verfasst zwischen 1699 und 1748 von jungen Benediktinermönchen des Klosters St. Gallen, die auf Bildungsreise nach Italien geschickt wurden. Zu deren Reisealltag gehören Strapazen wie schlechte Strassen, gefährliche Flusspassagen, geschlossene Stadttore, Personenkontrollen, trügerische Fuhrhalter, Räuber.

Doch die Mönche lassen sich die Reiselust nicht verderben. Sie melden sich mit ihren Empfehlungsschreiben bei Bekannten und Freunden des heimischen Klosters, das lässt ahnen, welch weites Beziehungsnetz die katholische Welt über Landesgrenzen hinaus pflegte. In jeder Stadt machen sie sich sogleich auf zu den Sehenswürdigkeiten, die für Reisende schon damals als Pflichtstoff galten. Es sind vornehmlich religiöse Ziele. Da wird der Kult um Reliquien und Gebeine von Heiligen erlebbar, aber es hört sich an wie heutiges Konkurrenzgebaren von Tourismusdestinationen, wenn Coelestin Gugger und Bernhard Frank in Foligno stolz verkündet wird: «Wir haben noch zwei andere Leiber, nämlich von Märtyrern, die mit Knüppeln und Säbeln gequält wurden.»

Gitarren, Meer und Babyklappe

Die Mönche machen aber auch weltliche Entdeckungen. Gugger berichtet 1729 staunend von Trompe-l'œil-Malereien in Mailand, in Rimini berichtet er: «Hier habe ich zum ersten Mal Meerwasser gekostet.» Und Iso Walser notiert am 11. Mai 1748 in Trient, er habe «zum ersten Mal dieses in Italien berühmte Musikinstrument gehört, das sie Gitarre nennen».

Ins Staunen kommen Gugger und Frank auch in Mailand. Im Ospedale Maggiore, schreibt Gugger, gebe es eine kleine Kammer mit einer Trommel, «in welche zur nächtlichen Zeit illegitime Kinder gelegt werden». Tatsächlich sind Babyklappen nicht der Offenheit der modernen Gesellschaft entsprungen, sondern eine Einrichtung der katholischen Kirche, die auf das 12. Jahrhundert zurückgeht.

Erstaunlich ist oft die Ortskenntnis der Reisenden, die sich offenbar in anderen Reiseberichten kundig gemacht haben, was zu einer Art Tripadvisor-Effekt avant la lettre führte. Oft werden die gleichen Herbergen erwähnt oder Städte verblüffend ähnlich abqualifiziert. Präzise Eigenbeobachtung ist dagegen, wenn Walser Siedlungs- und Landschaftsstrukturen beschreibt und das Fehlen von Einzelgehöften bemerkt. «Vielleicht lieben die Italiener die Einsamkeit nicht besonders», folgert er.

Die vier Notizbücher sind hochspannende Dokumente des Reisens. Die St. Galler Mönche hielten darin ihre Erlebnisse in einer fremden Welt fest. Für uns heutige Leser sind sie eine Reise in eine vergangene Zeit.

Im attraktiv gestalteten Buch mit vier Reisetagebüchern von St. Galler Mönchen sind die Faksimiles eingeheftet. (Bild: Urs Bucher)

Im attraktiv gestalteten Buch mit vier Reisetagebüchern von St. Galler Mönchen sind die Faksimiles eingeheftet. (Bild: Urs Bucher)