Mit klingender Münze

Geld regiert die Welt. Davon kann auch die Oper ein Lied singen. Von Werner Wunderlich

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Von Geld und Liebe handelt so manche berühmte Oper; und weltweit werden sie aufgeführt. Im Bild das Opernhaus in Manaus in Brasilien. (Bild: epa/Gernot Hensel)

Von Geld und Liebe handelt so manche berühmte Oper; und weltweit werden sie aufgeführt. Im Bild das Opernhaus in Manaus in Brasilien. (Bild: epa/Gernot Hensel)

Im anbrechenden bürgerlichen Zeitalter wird Geld auf der Opernbühne immer häufiger zur Leitwährung für persönliche Beziehungen und zum erstrebenswerten Lebensgewinn. Moneten lösen freilich oft auch schicksalhafte Irrungen und Wirrungen um Liebe und Macht aus, und gerade im burlesken Umgang mit Geld kommen Tugenden und vor allem Laster zum Vorschein.

Wurden Denken und Handeln von Mozarts aufmüpfigem Figaro 1786 von der feudalen Willkür seines aristokratischen Brötchengebers beherrscht, schliesst dreissig Jahre später Rossinis beflissener Titelheld aus rein pekuniärem Interesse mit dem Grafen Almaviva einen regelrechten Arbeitsvertrag. Im «Barbier von Sevilla» stellt der Dienstleister seinem Auftraggeber einen Rundumservice in Rechnung und will sich damit Wohlstand und einen Platz in der Gesellschaft sichern.

Geld und Liebe

Solch finanzielle Vorsorge wird auch in Beethovens «Fidelio» für nötig gehalten. Der Justizvollzugsbeamte Rocco stellt dem Hilfswärter Fidelio (in Wahrheit die als Mann verkleidete Gattin des unschuldigen Häftlings Florestan) die baldige Hochzeit mit seiner Tochter Marzelline in Aussicht. Eindringlich gibt er zu bedenken, zur Familienplanung gehöre unbedingt ein krisenfestes Ein- und Auskommen: «Hat man nicht auch Gold daneben, kann man nicht ganz glücklich sein.» Roccos Arie kündet von einer bitteren Erfahrung: Freiheit und Liebe sind käuflich, Sicherheit und Wohlleben sind für klingende Goldmünzen leicht erschwinglich.

Davon ist auch in Lortzings «Wildschütz» ein ergrauter Dorfschulmeister überzeugt. Dieser ist allzu gerne bereit, seine junge Braut, sein Mündel Gretchen, gegen 5000 Taler an einen reichen Baron abzutreten. Geldgier treibt Baculus dazu, seine Zukünftige feilzubieten. Er sieht sich schon als erfolgreichen und vermögenden Geschäftsmann und malt sich rentable Beteiligungen, Anlagen, Investitionen für sein virtuelles «Venture-Capital» aus. Letztlich bleibt seine Erfolgsrechnung, was sie tatsächlich ist, nämlich eine «Milchmädchenrechnung», die zwar die Sehnsüchte des kleinen Mannes nach Geldsegen und Luxusleben auflistet, die sich aber in der armseligen Realität in Luft auflöst.

Besser läuft das Liebesgeschäft mit der eigenen Verlobten für den armen Schlucker Hans in Smetanas Oper «Die verkaufte Braut». Der Heiratsvermittler Kezal schlägt Hans einen gewinnversprechenden Mädchenhandel vor. Wenn Hans zugunsten Wenzels, Sohn des reichen Bauern Micha, auf seine Marie verzichtet, beschafft ihm Kezal eine andere, eine reiche Braut: «Wer die Kleine / nennt die Seine, / der ist gut beraten.» Für 300 Gulden verzichtet Hans auf Marie, wenn sie einen Sohn des Micha heirate. Dass er aber just der einst aus dem Haus gejagte Erstgeborene von Micha ist, verrät er natürlich nicht. Nur so erhält er die vereinbare Summe, behält aber als Michas Sohn Braut und besseres Ende für sich.

Kapital und Macht

Vom Gold als Kapital persönlicher und gesellschaftlicher Macht handelt Wagners «Rheingold». Aus verschmähter Liebe entreisst der etwas klein geratene, abstossend hässliche Nibelung Alberich den drei Töchtern des Rheins das Gold aus der Tiefe des Flusses. Das Vermögen aus dem mythischen Tresor der Nixen aber bringt dem Räuber wie auch dem späteren Besitzer Wotan nur Unheil.

Denn der Verzicht auf die Liebe und der Wille zum Bösen sind Bedingung, damit das Gold zum Ring der Macht geschmiedet werden kann: «Wie durch Fluch er mir geriet, / verflucht sei dieser Ring!» So beschwört Alberich den Fluch des Goldes, der sich in der «Götterdämmerung» apokalyptisch erfüllt. Nicht zu Unrecht wird der «Ring des Nibelungen» deshalb immer wieder als Parabel der von Wagner dämonisierten kapitalistischen Geldwirtschaft gedeutet.

Kritische Töne dazu sind in Gounods Faust-Oper (darin symbolisiert Mephistos Tanz ums Goldene Kalb die biblische Abscheu vor Goldgier als Götzendienst) bis hin zu Brechts Stücken immer wieder zu vernehmen. Der Richter in Brechts «Rundköpfe und Spitzköpfe» singt das «Lied von der belebenden Wirkung des Geldes» und räsoniert über dessen gerechte Verteilung und gebührende Verwendung: «Man will nicht das Gute, sondern Geld / Und man ist von Kleinmut angehaucht. / Aber wenn der Gute etwas Geld hat / Hat er, was er doch zum Gutsein braucht.»

«Nur wer im Wohlstand lebt, lebt angenehm!» tönt es zynisch in der «Dreigroschenoper». Hier ist die bürgerliche Ordnung räuberische Willkür, die hinter einer Fassade von Wohlanständigkeit und Geschäftigkeit verborgen ist. Mit dieser Un-Ordnung rechnet der Bürger, macht florierende Geschäfte und seinen Profit. Alles macht er zur Ware, wird dabei selbst zur Ware: der Mensch als käufliches und verkäufliches Objekt. Peachum, der Bettelunternehmer, und Macheath, der Zuhälter, sie degradieren den Menschen zum Produktionsmittel und zum Konsumgut.

Geld und Verbrechen sind aufgrund gesellschaftlicher Bedingungen – und das sind nach Brecht die unvermeidlichen Systemfehler einer kapitalistischen Ordnung – eine Symbiose eingegangen. Kriminalität als gesellschaftliches Grundübel ergreift alle Klassen und macht alle Menschen gleich. War in Offenbachs «Brigands» der Räuber als antibourgeoiser Filou mit edlen Zügen noch der eigentlich bessere Mensch, zeigen uns die Stücke von Brecht und Weill, wie Geld die gesamte Gesellschaft korrumpiert.

Freiheit ohne Geld

Ist demnach der Geldverzicht die humane Alternative auf der Bühne des Musiktheaters? Keineswegs. Zwar kennt beispielsweise Millöckers Titelheld Symon aus dem «Bettelstudent» den bewussten Verzicht auf Geld, ordnet es Idealen wie Patriotismus unter und verkündet deshalb in seinem trotzigen Couplet: «Ich hab' kein Geld, bin vogelfrei.» Indes, dies ist die operettenhafte Freiheit, die Geldmangel nicht als Entbehrung empfindet, sondern augenzwinkernd als bohèmehafte Freiheit dessen verbrämt, der sie sich leisten kann, weil stets ein klingendes Happy End für ihn und seine Liebste ein sorgloses Leben vorsieht.

Werner Wunderlich Emeritierter Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität St. Gallen (HSG)

Werner Wunderlich Emeritierter Professor für Deutsche Sprache und Literatur an der Universität St. Gallen (HSG)

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