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Mit J. S. Bach ins Jahr 2033

10 von 27 Jahren sind geschafft. Konrad Hummler und Rudolf Lutz schauen auf stolze hundert Bach-Kantaten in Trogen zurück.
Martin Preisser
Der Musiker und der Geldgeber: Rudolf Lutz und Konrad Hummler engagieren sich für Bachs Vokalwerk. (Bild: Ralph Ribi)

Der Musiker und der Geldgeber: Rudolf Lutz und Konrad Hummler engagieren sich für Bachs Vokalwerk. (Bild: Ralph Ribi)

Herr Hummler, Herr Lutz, hundert Kantaten von J. S. Bach liegen hinter Ihnen. Wie alt sind Sie, wenn das Projekt abgeschlossen ist?

Konrad Hummler: Die Gesamtaufführung des Bach'schen Vokalwerks wird um 2033 beendet sein. Da bin ich dann 80 Jahre alt.

Rudolf Lutz: Ich werde 82 sein.

Herr Hummler, hatten Sie nie Zweifel, überhaupt die ersten hundert Kantaten zu schaffen?

Hummler: Nein, ich habe immer daran geglaubt. Die Gesamtaufzeichnung ist das erklärte Ziel der Bach-Stiftung, die Vollständigkeitsidee war von Anfang an unabdingbar für die Vision dieses Aufführungsprojekts.

Hat mit dem Notverkauf Ihrer Wegelin-Bank Gefahr für das Bach-Projekt bestanden?

Hummler: Ja, die Gefahr, dass das Kulturprojekt scheitert, war damals da. Das finanzielle Ausmass der unbeschränkten Haftung war zeitweise nicht absehbar. Auch wenn die J. S. Bach-Stiftung für eine bestimmte Periode weiter hätte existieren können.

Sie sind heute nicht mehr der alleinige Mäzen dieses Mammutprojekts?

Hummler: Nein, wir haben in der Bach-Stiftung eine breite Unterstützung Dritter. Nur der Normalbetrieb in Trogen wird finanziell vor allem von mir getragen. Im übrigen sind wir engagiert bei den weiteren Projekten, etwa bei Konzerten im Ausland oder den Bach-Tagen.

Herr Lutz, wie hat sich Ihre Bach-Interpretation seit der ersten Kantatenaufführung verändert?

Lutz: Das ist gar nicht so leicht selbst zu beurteilen, das ist so, wie wenn man die Entwicklung der eigenen Kinder beobachten müsste. Sicher dazugelernt habe ich beim Verständnis der Kantatentexte. Der ganze theologische Hintergrund ist mir heute noch viel bewusster. Sicherlich ist musikalisch die Erfahrung gewachsen, das grundsätzliche Know- how, wie das komplexe System Text und Musik bei Bach funktioniert. Ich sehe das Gesamtprojekt als eine Art Feldforschungsinstitut. Ich gehe nicht doktrinär an Bach heran, sondern suche für jede neue Kantate nach entsprechenden Lösungen.

Hummler: Ich möchte ergänzen: Am Anfang war es wie ein Sich-hinein-Tasten ins kalte Wasser, heute erlebe ich, wie wir im vollen baden können. Rudolf Lutz hat von Anfang vollgültige Interpretationen realisiert. Nach hundert Kantaten hat sich die Vielfalt der Möglichkeiten erhöht.

Mit den Jahren hat sich auch die Qualität der Interpretinnen und Interpreten erhöht.

Hummler: Früher waren wir vielleicht noch kompromissbereiter, heute hat sich alles ganz zugespitzt auf den genau gewünschten Klang und seine Klarheit und Färbung.

Hat mit der steten Qualitätssteigerung nicht auch der Stress für die Ausführenden zugenommen, müssen diese doch in kürzester Zeit höchste Perfektion auch für die Bach-Aufnahmen abliefern?

Lutz: Ja, das Anforderungsprofil ist immer strenger geworden, aber ohne dass das unangenehmer für die Musiker und Sänger geworden wäre. Ich selbst als Dirigent pflege nicht ein Hören, wie es der Tonmeister pflegen muss. Aber ein punktgenaues Erreichen des Aufnahmeziels ist natürlich eine Gratwanderung zwischen geforderter Perfektion und der Lebendigkeit der Live-Aufführung. Ich selbst engagiere mich immer sehr dafür, dass sich alle Mitwirkenden auch wohl fühlen können.

Hummler: Viele Sänger und Musiker wollen immer wieder bei einer Kantatenaufführung mitmachen. Sie finden die Produktionsbedingungen ideal, zumal wir für eine Kantate im Vergleich zu anderen Veranstaltern genug Zeit haben, um ein optimales Ergebnis zu erzielen.

Wie hat sich die Rolle des Dirigenten in den letzten zehn Jahren in Trogen verändert?

Lutz: Bei einem Laienensemble muss ich viel mehr eingreifen. Mit einem exquisiten Ensemble, wie ich es bei der Bach-Stiftung zur Verfügung habe, besteht mein Mehrwert vor allem darin, dass ich eine Vision vom Stück habe, dass ich die jeweilige Kantate sehr genau kenne. Es ist vor allem das, was ich auf die Musiker übertragen kann und will. Auf diesem Gebiet hat sich mein Profil als Dirigent sicher geschärft.

Hummler: Ein Dirigent muss vor allem auch das Publikum bewegen, muss mit ihm kommunizieren. Er ist der Katalysator für die Resonanz.

Der Trogner Bach ist seit einiger Zeit auch weltweit via Streaming zu erleben. Verdienen Sie damit Geld?

Hummler: Hier geht es nicht ums Geldverdienen. 24 Stunden Bach kosten einen Dollar. Das ist ein Preis, der bewusst tief gehalten ist, damit ihn sich auch in ärmeren Ländern möglichst viele Menschen leisten können. Dass das Streaming nicht gratis ist, liegt eher daran, dass wir mit der Paywall bewusst eine gewisse Wertigkeit unterstreichen.

Was geht weiter in Sachen Streaming?

Hummler: Die Bewirtschaftung wird weiter verbessert. Und wir arbeiten an der Idee, die Vorträge zu den Kantaten auf Englisch übersetzen zu lassen.

Die Bach-Stiftung hat einen exorbitanten Erfolg mit Hunderttausenden von Freunden auf Facebook, vor allem in Lateinamerika. Wie erklären Sie sich dieses Phänomen?

Hummler: Ehrlich gesagt, wir wissen es nicht. Eine Theorie wäre der helle Barock der Kirche Trogen, der anzieht. Vielleicht hat die religiöse Komponente in Lateinamerika noch einen höheren Stellenwert im Alltag. Vielleicht sind es aber auch die sehr rhythmisch und tänzerisch geprägten Interpretationen von Rudolf Lutz, die gerade in Südamerika begeistern.

Bis 2033 folgt jetzt die nächste Mammutaufgabe mit nochmals 120 Kantaten. Haben Sie keine Angst vor Ermüdung?

Lutz: Bach selbst ist das beste Medikament gegen Trott und Alltäglichkeit. Ich habe keine Angst vor Langeweile. Jede neue Kantate ist wieder eine herausfordernde Überraschung. Und auch unbekanntere Werke erweisen sich oft als die wahren Perlen.

Hummler: Mich beginnt langsam zu faszinieren, dass wir uns dem ganzen Kantatenwerk nähern. Das erzeugt in mir vielleicht so etwas wie einen gewissen Sammlerstolz, das Gefühl, dass wir bald wirklich jede Kantate kennen.

2033, Sie beide um die achtzig Jahre alt, Bachs Kantaten abgeschlossen – was tun Sie dann?

Lutz: Meine Lebenserfahrung war bisher: Wenn etwas zu Ende ging, kam immer wieder etwas Neues, etwas Adäquates. Aber es ist auch schwierig, in dieser Zeitdimension zu denken.

Hummler: Mir kommt das Bild in den Sinn, dass ich auf einer Bank sitze und die Kantaten wie ein Bergpanorama im Abendrot ansehe, auch in der Hoffnung, dass unser Bach eine Eigendynamik entwickelt hat, die für die nächste Generation fruchtbar sein könnte. Aber dies alles: Deo volente, so Gott es will.

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