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Mit Haut und Haar

Sabina Carraro wurde vor ein paar Jahren in das Geheimnis der Moulagen-Herstellung eingeweiht. In der Zwischenzeit ist die Nachfrage nach dem fast vergessenen Können kontinuierlich angestiegen. Ursula Badrutt Schoch
Faszination Moulage: Für Sabina Carraro, hier mit der Hand ihrer Mutter, ist die Herstellung und Konservierung von Moulagen ihr Traumberuf. (Bilder: Michel Canonica)

Faszination Moulage: Für Sabina Carraro, hier mit der Hand ihrer Mutter, ist die Herstellung und Konservierung von Moulagen ihr Traumberuf. (Bilder: Michel Canonica)

Es war während ihrer Ausbildung zur Künstlerin an der F + F Schule in Zürich, als sie sich infizierte – nicht im medizinischen Sinn, sondern im emotionalen. Die ersten Moulagen, diese dreidimensionalen 1:1-Modelle von Körperteilen für medizinische Lehrzwecke, die Sabina Carraro zu Gesicht bekam, gingen ihr unter die Haut, beziehungsweise liessen sie mit Haut und Haar spüren: «Das ist es, was ich machen will.» Das war vor über 15 Jahren. Damals war das dem Universitätsspital angeschlossene Moulagenmuseum in Zürich frisch eröffnet, was zu einigem Aufsehen und die Kunststudentin zu den lebensecht aussehenden Wachsnachbildungen führte. Als Künstlerin habe sie bis dahin mehr im Installationsbereich gearbeitet.

Nun aber bekundet sie im Moulagenmuseum beim dortigen Konservator ihre Absicht, Moulageuse zu werden. «Das war nicht so einfach», erinnert sie sich.

Das hartnäckige Bedürfnis

Michael Geiges habe sie zwar nicht kategorisch abgelehnt, aber da war kein Bedarf. Die Herstellung von Moulagen – das Wort kommt vom französischen mouler, abformen – und ihre Rolle für die medizinische Ausbildung haben mit der Erfindung der Fotografie und der Computertechnologie im 20. Jahrhundert zünftig an Bedeutung verloren. Doch Sabina Carraro lässt nicht locker. Sie schliesst ihr Kunststudium ab, jobbt mal da, mal dort – und behält die Moulagen im Kopf. Immer wieder besucht sie das Moulagenmuseum in Zürich und reist nach Florenz ins naturkundliche Museum La Specola mit seiner grossen Sammlung an Wachsmodellen aus dem 17. bis 19. Jahrhundert.

Dann ist es so weit: Unter der Anleitung des Dermatologen Geiges kann sie die ersten Nachbildungen ausgewählter Körperteile herstellen. Heute liegen diese zu Hause im Atelier an der Rotachstrasse in St. Gallen: eine Kniekehle mit blau-rot aufscheinenden Äderchen, ein Stück Schulter mit Sonnenflecken, ein Halsausschnitt mit einem Melanom, ein Stück Schienbein mit altem Narbengewebe samt Haaren. «Das Bein gehört einem Freund, die Haare sind beim Gipsabguss ausgerissen und Wurzel voran in den Wachsausguss geraten», erklärt Sabina Carraro.

Damit sind wir zwar bei der Technik angelangt. Vor allem aber beim Staunen. Auf dem Tisch liegt auch eine Hand. «Das ist die Hand meiner Mutter», so die Moulageuse. Die Körperteile in ihrer perfekten Nachbildung lösen ambivalente Gefühle aus, Anziehung und Abscheu. Auch ohne spektakuläre Krankheitsbilder wie eine fortgeschrittene Syphilis darzustellen, berührt die Mischung aus naturalistischer Echtheit und dem Wissen, dass es sich um tote Materie handelt. Fast muss man sich durch Berühren vergewissern, dass die Moulagen nicht körperwarm sind. Da spielt auch Kultisch-Mystisches eine Rolle.

Das Geheimnis

Das perfekte Ebenbild zu formen ist ein alter Traum des Menschen, auch in seinem Bestreben, die eigene Endlichkeit zu überwinden. So sind die idealisierten Totenmasken der Antike entstanden. Auch wächserne Votivgaben mögen damit zusammenhängen.

Die Herstellung von Moulagen wurde lange als Geheimnis gehütet und erst 1979 durch die Zürcher Moulageuse Elsbeth Stobler öffentlich gemacht; die Materialzusammensetzung blieb gar bis in die Neunzigerjahre unter Verschluss. Das irrational Unheimliche, das den an sich hochwissenschaftlichen Stücken anhaftet, lässt sich auch mit dem Glauben erklären, dass Macht über einen Menschen gewonnen werden kann, wenn man Körperteile von ihm besitzt. Es gab auch Fälle, wo sich Patienten nach dem Moulagenmachen von der Krankheit erlöst fühlten.

Gemacht werden die Moulagen mittels Gipsabdruck direkt vom Menschen aus einer Mischung aus Bienenwachs, Dammar-Harz und Kreide. Sabina Carraro holt die Zutaten hervor; ein paar alte Pfannen und eine einfache Kochplatte dienen zum Schmelzen. Für die Bemalung genügen vier Ölfarben. Diese allerdings bestehen aus raren und teils giftigen Pigmenten. Gemalt wird in vielen Schichten und direkt bei der Vorlage, beim Patienten.

Moulagen im Trend

Obwohl die Kunst der Moulagen fast verlorengegangen ist, wird sie heute gerade wegen der emotionalen Nähe zunehmend bevorzugt gegenüber zweidimensionalen fotografischen Darstellungen. Der Lerneffekt sei nachgewiesenermassen grösser, so Sabina Carraro. Parallel zu ihrer Tätigkeit als Moulageuse studiert sie nun in Bern an der Hochschule der Künste Restaurierung und Konservierung. In diesem Zusammenhang hat sie jüngst ein interdisziplinäres Forschungsprojekt mitlanciert. In «Zeit für Medizin» im Historischen Museum in St. Gallen, wo Sabina Carraro zudem als Volontärin arbeitet, wird die Faszination Moulagen einen Schwerpunkt bilden.

Zutaten und Endprodukte: Tumor-Moulage und ein Stück Haut.

Zutaten und Endprodukte: Tumor-Moulage und ein Stück Haut.

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