Mit Haut und Haar

«Dünne Haut» hiess die eindrückliche Ausstellung in Stans, die Rochus Lussi diesen Sommer mit seinen aus Holz geschnitzten Objekten im Nidwaldner Museum zeigte. Unter dem Titel «Mit Haut und Haaren» sind nun einige seiner Werke in St. Gallen zu sehen.

Carmen Baggio Rösler
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Verwirrend sinnlich: Am Eingang der Galerie begrüsst eine zierliche Frauengestalt die Besucher. (Bild: Michel Canonica)

Verwirrend sinnlich: Am Eingang der Galerie begrüsst eine zierliche Frauengestalt die Besucher. (Bild: Michel Canonica)

ST. GALLEN. Haut und Haare weiss der Nidwaldner Bildhauer Rochus Lussi wirklich meisterhaft darzustellen – und dies aus Holz, bearbeitet mit Säge, Schnitzwerkzeug, Raspel und Farbe. Die Reliefs mit der runzeligen Haut eines Elefanten oder den rötlichen Wirbeln im Fell eines Orang Utans zeugen von einem sehr genauen Beobachter und von handwerklicher Meisterschaft. Lussi hat das Arbeiten mit Holz von der Pike auf gelernt, doch könnte er als Künstler nicht weiter vom Wesen der Brienzer Tradition entfernt sein.

Orang Utans und Fledermäuse

Haben die Reliefs noch etwas Abstraktes an sich, beeindrucken die aus einem riesigen Pappelstamm geschnitzten lebensgrossen Orang Utans mit ihrer körperlichen Präsenz. An die Stelle einer distanzierten Betrachtung tritt die unmittelbare Begegnung. Diese kann eine beklemmende Wirkung erzeugen, etwa im Keller bei den neun riesigen dunklen Fledermäusen. Sie hängen zusammengefaltet von der Decke, kleben an den Wänden oder kauern mit ängstlichen Gesichtern auf dem Boden. Verletzlich liegen sie da, und doch haben ihre fremden Körper mit den hakenartigen Greifzehen etwas Bedrohliches. Auf keinen Fall will man sie erschrecken, nicht auszumalen, wenn sie plötzlich alle auffliegen würden.

Im Eingangsraum steht eine zierliche Frauengestalt, deren nackter Körper fast ganz von einem weichen Fell bewachsen ist. Das macht sie animalisch fremd und zugleich verwirrend sinnlich. Trotz ihres schützenden Pelzes wirkt sie verletzlich, und man fürchtet sich, sie schamlos anzustarren. Rochus Lussi bezieht sich mit dieser Figur auf die spätgotische Maria Magdalena von Tilmann Riemenschneider, bei der die langen, ihre Nacktheit verhüllenden Haare mit dem Fellkleid der Eremitin verschmelzen. Wenn auch zwischen Riemenschneider, dem wohl berühmtesten Holzschnitzer der europäischen Kunst, und Lussi ein halbes Jahrtausend liegt, stehen sie in der gleichen Tradition.

«Kippmomente»

Die Skulpturen von Rochus Lussi sind aber nicht mehr an einen Altar gebunden, sondern treten in den Raum und damit in einen direkten Dialog mit dem Betrachter. Es entstehen Beziehungen und Stimmungen, die Assoziationen wecken und die eigene Wahrnehmung in Frage stellen. Den Künstler interessiert dabei «die Erzeugung von Kippmomenten», etwa wenn die harmlosen «Fellkleider» an der Wand zu makabren Trophäen werden, die nicht ausgezogen, sondern vielmehr abgezogen wurden. Rochus Lussi zeigt Skulpturen «mit Haut und Haar». Nicht von ungefähr steht dieser Ausdruck für «ganz und gar».

Ausstellung bis 19.12.: Do/Fr 16–19, Sa 12–16 Uhr, Galerie Sonja Bänziger (Magnihalden 17), St. Gallen. (Finissage mit dem Künstler: 19.12., 18–21 Uhr)