Mit geschärftem Blick aufs Leben

In einem Buch schreiben Prominente über Leben und Sterben. Unter ihnen Ständerätin Karin Keller-Sutter und Moderatorin Mona Vetsch. Die Konfrontation mit dem Sterben habe ihren Blick aufs Leben geschärft, schreiben sie.

Richard Clavadetscher
Drucken
Teilen
schnitt - St. Gallen - StŠnderŠtin Karin Keller-Sutter FDP  in ihrem neuen BŸro (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

schnitt - St. Gallen - StŠnderŠtin Karin Keller-Sutter FDP in ihrem neuen BŸro (Bild: Ralph Ribi (Ralph Ribi))

Karin Keller-Sutter, Mona Vetsch – unterschiedlicher könnten die beiden Frauen nicht sein: Hier die frühere Regierungsrätin und heutige St. Galler Ständerätin, da die bekannte Moderatorin aus dem Thurgau. Im Buch «Deadline – Prominente über Leben und Sterben» schildern beide, wie ihnen als junger Mensch der Tod erstmals begegnet ist und wie sie heute mit dem Gedanken an das Sterben und den Tod umgehen.

Der unberechenbare Tod

«Ich habe keine Angst vor dem Tod. Seit ich das Leben kenne, fürchte ich mich nicht mehr vor dem Sterben.» So beginnt Karin Keller-Sutter ihre Reflexion über «Sterben und Tod», der sie die Benediktsregel Kapitel 4, Vers 47 voranstellt: «Den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben.»

Als Kind sei dies noch anders gewesen, so Karin Keller-Sutter. Die Fotografie der etwas älteren Cousine im Kindersarg, die als Kleinkind starb, habe sie «immer seltsam berührt». Weil diese Fotografie aber zusammen mit Bildern von Jungwachtlagern und Erstkommunionsfeiern aufbewahrt worden sei, habe sie begriffen: Der Tod ist ein ganz natürlicher Teil des Lebens.

Ganz so einfach war es dann doch nicht, als Karin Keller-Sutters Grossmutter starb. Als damals Sechsjährige habe sie der Blick auf die tote und im mit Blumen geschmückten Sarg liegende Grossmutter verstört. «Es fiel mir schwer, diese unerwartete Konfrontation mit dem Tod einzuordnen. Die Bilder meiner verstorbenen Grossmutter haben mich lange verfolgt.»

Ohne Vorwarnung und Abschied

Noch nachhaltiger geprägt haben die Politikerin indes zwei andere Ereignisse: der unerwartete Tod ihres Vaters und zwei Fehlgeburten anfangs der Neunzigerjahre. Dass der Vater «einfach so gegangen war, ohne Abschied, ohne Vorwarnung, ohne ein letztes Wort», erschütterte die damals junge Frau zutiefst. Wenn der Tod so unerwartet komme, sei er nicht zu fassen oder gar zu verstehen. Er könne nicht als Erlösung begriffen werden. Gemeinsam mit der Mutter nahm Katholikin Keller-Sutter in den Tagen danach an den abendlichen Rosenkranzgebeten teil. «In einer haltlosen Zeit habe ich damit eine Struktur bekommen.» Später habe sie den Vater oft auf dem Friedhof besucht. Der Abschied in Raten habe ihr Trost gegeben und geholfen, seinen Weggang zu verarbeiten. Die Zeit der Grabräumung nach zwanzig Jahren war jedoch wieder schwer. «Ich habe gelernt, mit dem Verlust umzugehen, ihn zu akzeptieren – und trotzdem fehlt mir mein Vater immer noch.»

Anders war es mit den Fehlgeburten. Sie habe akzeptiert, dass das Leben ihr andere Aufgaben zugewiesen habe, schreibt Karin Keller-Sutter. Was bleibe, sei die Neugier auf ein Kind, «das ich nie kennenlernen durfte». Wenn sie Kinder ihrer Freunde sähen, redeten ihr Mann und sie «gelegentlich über unseren Sohn oder über unsere Tochter und fragen uns, was wohl aus ihm oder ihr geworden wäre».

Es seien diese Erfahrungen mit dem unberechenbaren Tod, die sie zum heiligen Benedikt von Nursia, dem Gründer des Benediktinerordens, hingeführt hätten, so Karin Keller-Sutter. «Den unberechenbaren Tod täglich vor Augen haben», wie der heilige Benedikt es als Regel festhielt, hat für die Politikerin nichts mit Pessimismus oder gar Todessehnsucht zu tun – aber mit Demut und Gelassenheit. «Der Tod ist gewissermassen die Vollendung des Lebens.» So fürchte sie sich nicht vor dem Tod, aber wie die meisten Menschen wünsche sie sich einen sanften Übergang – einen Tod auch, der ihr die Möglichkeit gebe, sich von ihren Lieben zu verabschieden. Karin Keller-Sutter gesteht dabei, dass sie – obwohl Christin – Mühe habe mit der Vorstellung des ewigen Lebens. «Ich glaube nicht, dass es ein Weiterleben in einer anderen Form, in einem anderen Organismus gibt. Es ist die Demut, die mir hilft, die eigene Endlichkeit zu akzeptieren.»

Zwar habe sie keine Angst vor dem Tod, seit sie das Leben kenne, schliesst Karin Keller-Sutter ihren Text. Auch wenn sie sich nicht fürchte vor dem Tod, wisse sie nicht, wie sie auf ihn reagieren werde. Und erst recht wisse sie nicht, wann der Tod sie einhole und unter welchen Umständen. Nicht alles kontrollieren zu können und wissen zu müssen, dies habe auch etwas Befreiendes. Der heilige Benedikt begleite sie auf diesem Abenteuer.

Das Schlaflied und der Tod

«Der Tod riecht nach Lavendelöl.» So hat Mona Vetsch ihren Text betitelt. Der Satz nimmt Bezug darauf, dass die Angehörigen Mona Vetschs Grossmutter in ihren letzten Lebenstagen die Füsse unter Verwendung von Lavendelöl massierten, als diese blau wurden: «Der Tod kommt auf blauen Füssen. (…) Er roch nach Lavendelöl.»

Die Grossmutter hatte Mona Vetsch indes – unwissentlich – schon mit dem Tod bekanntgemacht, als diese Frau noch mitten im Leben stand und ihre Enkelin ein Kind war. Wenn Mona nämlich bei ihr übernachtete, sang die Grossmutter vor dem Gutenachtkuss stets ein Schlaflied. Immer dasselbe: «Guten Abend, gut' Nacht. / Mit Rosen bedacht…» Das Lied endet mit «Morgen früh, wenn Gott will, wirst du wieder geweckt».

Sie habe den Tod förmlich spüren können, wie er bereit war, sie mit den Knochenfingern zu packen, «falls Gott am frühen Morgen gerade keine Lust haben sollte, mich zu wecken», schreibt Mona Vetsch. Sei dir bloss nicht zu sicher, liebes Kind! Das Leben kann schnell vorbei sein, dies habe sie Grossmutters Schlaflied gelehrt. Jedenfalls sei es so bei ihr angekommen.

Auch später, als Teenager, habe sie sich intensiv mit dem Tod beschäftigt, schreibt Mona Vetsch. Nicht nur hingen in ihrem Zimmer statt der in diesem Alter üblichen Popstars Abbildungen mittelalterlicher Totentänze an den Wänden, auch ihre Lieblingsbücher und ihre Lieblingsmusik seien düster gewesen. Sogar die Maturaarbeit ging in diese Richtung: Grabmäler waren das Thema. Die Eltern hätten das bedenklich gefunden – und sie waren nicht die einzigen: Als Mona Vetsch in der Schule in einem freien Aufsatz das Thema Sterben und Tod behandelte, führte der Deutschlehrer ein ernstes Gespräch mit ihr.

Diese abwehrende Haltung der Erwachsenen gegenüber der Thematisierung von Sterben und Tod habe ihre Faszination nur noch beflügelt, erinnert sich Mona Vetsch. Sie stellt fest, dass «die Grossen» gemeinhin die Kinder vor dem schützen wollten, «was so schwer zu begreifen und noch schwerer zu ertragen ist». Und die Erwachsenen selber schauten auch gerne weg oder mindestens nicht so genau hin.

Keine gemeinsame Sprache

So sei es dann auch bei ihr gewesen, als die Grossmutter, inzwischen über achtzig Jahre alt, im Spital lag und es offensichtlich wurde, dass sie sterben würde. Die Beschäftigung mit dem Tod als Teenager habe in diesem Moment nichts gebracht, schreibt Mona Vetsch. Ein Blick in die Augen der Grossmutter – und alle die abstrakten Gedanken über den Tod hätten sich als komplett lächerlich entpuppt: «Weil es den Tod eben nicht gibt, genauso wenig wie es die Liebe gibt.» Der Tod, die Liebe, das Leben, sie seien so einzigartig wie jede und jeder von uns. Hier ging es um die Grossmutter, es war nicht ein abstrakter Tod, es war ihr Sterben.

Wo sie herkomme, werde über alles geredet, schreibt Mona Vetsch. «Aber über unseren eigenen Tod? Dafür gab es keine gemeinsame Sprache.» Die Grosseltern seien weit über achtzig gewesen, als Grossmutter starb. Und doch habe der Grossvater erstaunt gewirkt, «als er dann allein auf dem Sofa sass». Haben die Grosseltern das Sterben einfach verdrängt? Eine kurze Zeit habe sie das geglaubt, so Mona Vetsch.

Aus der Distanz sehe sie es jedoch anders: Die Grosseltern hätten den Tod nicht zu verhandeln gebraucht, «weil sie schon umgesetzt hatten, was das Bewusstsein der Endlichkeit im besten Fall auslösen kann»: Die Grosseltern lebten ihr Leben im Wissen darum, dass alles ein Geschenk sei. Dafür seien sie dankbar gewesen. «Und beide haben sich nicht gefürchtet.» Die beiden hätten auf das Leben geachtet, statt den Tod zu fixieren.

Geborgen sein

Sie denke zurück an die Grossmutter an der Bettkante und an ihr Schlaflied, so schliesst Mona Vetsch. Im Spital hätten sie das Lied wieder gesungen – für die Grossmutter. «Es hat mir keine Angst mehr gemacht.»

Wer im Leben geborgen sei, werde es auch im Sterben sein – und darüber hinaus. «Daran kann ich glauben.»

Achim Kuhn (HG): Deadline – Prominente über Leben und Sterben. Theologischer Verlag Zürich, 2015, 316 Seiten, Fr. 29.80

schnitt

Mona Vetsch
2015

Copyright: SRF
NO SALES
NO ARCHIVES

Die Veröffentlichung im Zusammenhang mit Hinweisen auf die Programme von Schweizer Radio und Fernsehen ist honorarfrei  und muss mit dem Quellenhinweis erfolgen. Jede weitere Verwendung ist honorarpflichtig, insbesondere auch der Wiederverkauf. Das Copyright bleibt bei Media Relations SRF. Wir bitten um Belegexemplare. Bei missbräuchlicher Verwendung behält sich das Schweizer Radio und Fernsehen zivil- und strafrechtliche Schritte vor.

schnitt Mona Vetsch 2015 Copyright: SRF NO SALES NO ARCHIVES Die Veröffentlichung im Zusammenhang mit Hinweisen auf die Programme von Schweizer Radio und Fernsehen ist honorarfrei und muss mit dem Quellenhinweis erfolgen. Jede weitere Verwendung ist honorarpflichtig, insbesondere auch der Wiederverkauf. Das Copyright bleibt bei Media Relations SRF. Wir bitten um Belegexemplare. Bei missbräuchlicher Verwendung behält sich das Schweizer Radio und Fernsehen zivil- und strafrechtliche Schritte vor.

Statue einer trauernden Frau (Bild: fotolia/Martina Berg)

Statue einer trauernden Frau (Bild: fotolia/Martina Berg)