Mit Ferdinand Magellan ins Reich der Träume

Der Schriftsteller Claude Cueni nimmt seine Leser auf abenteuerliche Trips mit. Sein neuer Roman «Pacific Avenue» ist eine tollkühne Achterbahnfahrt in die Exotik. Trotz fehlender Anerkennung durch das Feuilleton hat Cueni eine stetig wachsende Lesergemeinde.

Rolf Hürzeler
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Claude Cueni: Pacific Avenue, Wörterseh 2015, 432 S., Fr. 36.90

Claude Cueni: Pacific Avenue, Wörterseh 2015, 432 S., Fr. 36.90

Medikamente haben ihre Tücken. «Cellaris schubst mich kurz nach der Einnahme von einer vertrauten Welt in eine unbekannte, geheimnisvolle.» Das ist ein Schlüsselsatz im neuen Roman «Pacific Avenue» des 59jährigen Basler Schriftstellers Claude Cueni. Er berichtet in dieser halb fiktionalen Autobiographie von den Nebenwirkungen eines Medikaments, das ihn jeweils auf einen Drogentrip der historischen Art schickt, nämlich auf die Reise des portugiesischen Entdeckers Ferdinand Magellan (1480–1521), der auf den Philippinen den Tod fand.

Besuch bei den Verwandten

Gleichzeitig fährt Cueni selbst mit seiner philippinischen Frau in das Dorf ihrer Herkunft, um ihre Verwandtschaft zu besuchen. Diese drei Stränge, der Medikamententrip, die historische Seefahrt und seine tatsächliche Reise, verflicht er mit erzählerischer Raffinesse.

Der schwer erkrankte Autor

Cueni hat mit «Pacific Avenue» eine Fortsetzung seines ersten Buch dieses Genres, «Script Avenue», geschrieben, dessen Lektüre der Roman allerdings nicht voraussetzt. Der Autor schreibt beide Male ausführlich von seiner schweren Erkrankung: Er musste wegen einer Leukämie-Diagnose eine Knochenmarktransplantation vornehmen lassen.

Diese rettete zwar sein Leben, hatte aber schwerwiegende gesundheitliche Folgen, die er mit Selbstironie angeht. Heute ist sein Zustand auf tiefem Niveau stabil: «Meine vollgekritzelte Agenda unterscheidet sich in Sachen Dichte kaum noch von jener eines Regierungschefs: Physio, Ergo, Podologie, Lymphdrainage, Reha, Blutcheck, manchmal komme ich mir ein bisschen krank vor.»

Die schwierige Jugend

Claude Cueni ist in unglücklichen Verhältnissen im Jura aufgewachsen, wo er weniger «Jura libre» erlebte, dafür umso mehr repressiven Mief. Er litt unter einem ausfälligen Vater, einer bigotten Mutter und einem pädophilen Onkel, einem ehemaligen Algerien-Kämpfer. Der junge Cueni kämpfte sich durch: Er hat im Lauf der Jahre ein gutes Dutzend Romane geschrieben. Darunter eine fiktionale Biographie des schottischen Ökonomen John Law (1671–1729), der es zum Gebieter über die französischen Finanzen in Versailles brachte – und Schiffbruch erlitt.

Umgeben von Puppen

Während Monaten lebte Cueni wegen seiner Krankheit in faktischer Isolation. Heute kann er sein geräumiges Appartement in der Basler Vorortsgemeinde Allschwil vermehrt verlassen und sogar Lesungen geben. Cueni lebt allein mit seiner philippinischen Frau, aber nicht nur: Er hat sich mit überlebensgrossen Figuren, historischen Schaufensterpuppen, umgeben. Da fläzt der erwähnte Finanzakrobat John Law in seinem Renaissance-Kostüm, oder ein römischer Legionär steht stramm und erinnert an einen der ersten Romane, «Cäsars Druide».

Claude Cueni blieb die Anerkennung des Feuilletons bis heute versagt. Aber er hat eine laufend wachsende Leserschaft. «Script Avenue» wurde zu einem Bestseller, und «Pacific Avenue» wird wiederum eine verbreitete Leserschaft finden. Das Buch lebt vom Gegensatz zwischen einer eurozentrierten Lebenssicht und dem Fatalismus der Filipinos.

Arbeitsverbot für Männer

Cueni konstatiert etwa eine geschäftige Betriebsamkeit der Frauen seiner angeheirateten Verwandtschaft: «Aber für Männer scheint ein Arbeitsverbot zu gelten.» Das führt zu einer permanenten Geldnot in der Familie, die Cueni immer wieder lindern muss – ohne etwas am Los der Einheimischen zu verändern. Er schildert den lokalen Kapitalismus als erratisch, da er vor allem auf Schuldenmachen beruht: «Sie kümmern sich nicht darum, wie hoch die Zinsen sind, sondern nur darum, wie viel Geld sie heute erhalten und bis Mitternacht ausgeben können.»

Eine vergnügliche Expedition

«Pacific Avenue» ist eine vergnügliche Expedition in das Reich der Träume, wo immer wieder das Tatsächliche aufblitzt. So erlebt der Leser eine fiebrige Fahrt durch Wahrheiten und Illusionen.