Mit Ekel gegen den Ekel

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Jean-Paul Sartre (1905–1980). (Bild: Getty Images/1964)

Jean-Paul Sartre (1905–1980). (Bild: Getty Images/1964)

Sartre Ich bin während meiner Schullaufbahn doch ein arg vergrübeltes und schlecht gelauntes Teenie gewesen. So mies drauf, wie ich war, standen mir eigentlich nur zwei Wege offen: Teil der Gothic-Szene zu werden oder aber Sartre zu lesen. Ersteres blieb mir aufgrund der Übermacht anderer Subkulturen an unserer Schule leider versagt. Und so war es nur konsequent, dass ich meiner Französischlehrerin vor dreizehn Jahren eröffnete, Sartres ersten Roman «Der Ekel» (1938) für die Maturaprüfung lesen zu wollen. Als die triefige Jacques-Brel-Chansons liebende Frohnatur den Ernst meiner Bücherwahl begriff, warf sie entsetzt die Arme zum Himmel. Der Ekel stand ihr im Gesicht. Wahrscheinlich dachte sie an die gemütlichen Wochenendstunden, um die ich sie mit meiner Bücherwahl gebracht hatte.

Der Historiker Roquentin, der in einer französischen Kleinstadt vor sich hindämmert und dabei vor sich und der Welt nur Ekel empfindet, hatte damals meine volle Sympathie. Und das, obwohl er ironischerweise wie meine Französischlehrerin einzig beim Hören eines bestimmten Songs seine raren Glücksmomente hatte.

Sartre hatte mit dem «Ekel» inhaltlich sein existenzialistisches Hauptwerk «Das Sein und das Nichts» (1943) vorweggenommen. Ich war eine nach Orientierung suchende Teenagerseele, die schwer an ihrer eigenen Durchschnittlichkeit zu knabbern hatte. Vor der Freiheit, die sich mir mit Berufswahl und Schulabschluss bot, erfasste mich dasselbe Grausen wie diesen Roquentin.

Heute sind mir die etwas verspielteren Protagonisten wie die des deutschen Autors Wilhelm Genazino, die wie Roquentin zwar auch mal in die Botanik starren, um die Bedeutungslosigkeit des Daseins zu erfahren, aber sich selbst nicht so ernst dabei nehmen, um einiges sympathischer. Aber dennoch: In unserer sich in so vielen Nebensächlichkeiten verzettelnden Gesellschaft hat dieser Roman fast wieder etwas Kathartisches.

Im existenzialistischen Schwarz an die Uni gegangen bin ich dann doch nicht. Aber eines hat mir das Buch auf den Weg gegeben: Dass man dem Leben mit dem Erzählen irgendwie beikommen kann. Das hat mich dann auch in meiner Berufswahl nachhaltig beeinflusst.

Julia Stephan