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Mit der Lizenz zum Provozieren: Diese Frau soll den neuen Bond-Film retten

Phoebe Waller-Bridge wird derzeit als aufregendste neue Stimme in der britischen Film- und Fernsehbranche gefeiert. 007 soll sie nun zu Humor und Tiefgang verhelfen. Ihr Leistungsausweis: Zwei TV-Serien, die Tabus brechen und die Zuschauer herausfordern.
Lory Roebuck
Die 33-jährige Phoebe Waller-Bridge brilliert als Schauspielerin, Drehbuchautorin und Produzentin. (Foto: David M. Benett/Getty; London, 24.Januar 2019)

Die 33-jährige Phoebe Waller-Bridge brilliert als Schauspielerin, Drehbuchautorin und Produzentin. (Foto: David M. Benett/Getty; London, 24.Januar 2019)

Er hat nukleare Angriffe vereitelt, unzählige Killer ermordet, das britische Wirtschaftssystem gerettet: Doch nun ist selbst James Bond auf Hilfe angewiesen. 007-Darsteller Daniel Craig höchstpersönlich soll Phoebe Waller-Bridge gebeten haben, das Drehbuch des neuen Bond-Films zu überarbeiten.

Die Fassung von Oscargewinner Danny Boyle («Slumdog Millionaire») und John Hodge hatte ihn nicht zufrieden gestellt. Boyle und Hodge wurden durch das eingespielte Bond-Autorenduo Neil Purvis und Robert Wade ersetzt. Doch Craig muss sich für seinen letzten 007-Auftritt mehr gewünscht haben. Mehr Ideen und Überraschungen, mehr Pfiff.

Phoebe Waller-Bridge ist genau die Frau dafür. Die 33-jährige Schauspielerin, Drehbuchautorin und Produzentin aus London wird als aufregendste neue Stimme in der britischen Film- und Fernsehbranche gefeiert. Grund dafür sind ihre Fernsehserien «Fleabag» und «Killing Eve», die derzeit auf BBC respektive Amazon Prime Video laufen. Ihre Markenzeichen: spitzzüngige Dialoge, komplexe Frauenfiguren und stinkfreche Überraschungen. Also alles, wofür Kino-Veteran James Bond nicht steht.

Unerhört und unglaublich lustig

In «Fleabag» spielt Phoebe Waller-Bridge eine unsympathische junge Frau, die sich durchs Londoner Nachtleben schläft. Dabei blickt sie regelmässig direkt in die Kamera und teilt den Zuschauern ihre Gedanken mit. «Wir sind so standardmässig am Rammeln, als er sich plötzlich meinem Arschloch nähert», erzählt sie uns in der ersten Szene der Serie während eines One-Night-Stands. Die beiden begeben sich ins Bett, Waller-Bridge spricht immer noch direkt in die Kamera: «Als wir am nächsten Morgen aufwachen, flüstert er: ‹Ich habe es noch mit keiner anderen Frau... hintenrum geschafft.› Er streicht mir dankbar durchs Haar. Nachdem er gegangen ist, frage ich mich: Habe ich etwa ein riesiges Arschloch?» Die Szene ist unerhört und unglaublich lustig, wie alles in «Fleabag».

Waller-Bridge entstammt einer britischen Adelsfamilie und besuchte ein katholisches Internat. Ihre Schauspielausbildung absolvierte sie an der renommierten Royal Academy of Dramatic Art. Doch auf eine Karriere als sterbende, heulende oder rumstehende Frau in Shakespeare-Stücken hatte sie keine Lust. So gründete sie die Theatergruppe DryWrite, um eigene Stoffe zu entwickeln. «Fleabag» entstand als Ein-Frau-Bühnenstück. Der unverblümte Inhalt trug Waller-Bridge viele Preise ein. Worauf sie die BBC mit der Umsetzung fürs Fernsehen beauftragte.

Sexabenteuer als Betäubungsmittel

Die erste Staffel von «Fleabag» lief im Juli 2016 im Fernsehen, die zweite folgte diesen April – und bricht ebenfalls Tabus. So schläft Waller-Bridges Figur diesmal mit einem Priester. «Man sagt mir, dass meine Serie Männer schockiert», erzählte Waller-Bridge in einem Interview. «Ich finde: Das wurde verdammt nochmal Zeit!»

Doch wer «Fleabag» schaut, merkt bald, dass es Waller-Bridge um mehr geht als billige Schockeffekte. Die vielen Sexabenteuer entpuppen sich als Betäubungsmittel, mit der sich die Protagonistin vor zwei Schicksalsschlägen zu schützen versucht: dem Krebstod ihrer Mutter sowie dem Suizid ihrer besten Freundin. «Der Sex und die Witze sind eine Fassade, unter der viel Schmerz verborgen liegt», so Waller-Bridge. Ihr Anliegen sei es, «echte Frauen» zu zeigen, samt ihren Makeln.

Leichter verdaulich, aber ebenso brillant ist ihre andere TV-Serie «Killing Eve», die auf den Kriminovellen «Codename Villanelle» von Luke Jennings basiert. Waller-Bridge stand für die Fernsehumsetzung nicht selber vor die Kamera, drückte dem trashigen Stoff aber als Hauptautorin ihren Stempel auf. «Killing Eve» handelt von der von ihrem eingerosteten Eheleben gelangweilten MI6-Agentin Eve Polastri. Als einzige in ihrer Abteilung glaubt Eve daran, dass hinter einer brutalen Mordserie nicht etwa ein Mann steckt, sondern eine Frau: die Mode besessene Auftragskillerin Villanelle.

Ein rabenschwarzes Vergnügen

Der Reiz von «Killing Eve» liegt einerseits in der Umkehrung von Geschlechterstereotypen, andererseits in der einzigartigen Beziehung zwischen den Protagonistinnen.Villanelle und Eve entwickeln im Verlauf der Serie eine Obsession füreinander, die zwischen brandgefährlich, völlig unvernünftig und auf herrlich absurde Art romantisch pendelt. Wie «Fleabag» ist auch «Killing Eve» ein Spiel mit dem Verbotenen, Amoralischen. Dank ihren exzentrischen Heldinnen ist die Serie ein rabenschwarzes Vergnügen.

Doch wie kann 007 von Phoebe Waller-Bridge profitieren? Daniel Craig wird oft vorgeworfen, sein Bond habe zu wenig Humor. Wenig überraschend titelten britischen Zeitungen nun: Waller-Bridge soll Bond lustiger machen. Ihre wirkliche Gabe ist es aber, in den Kern der Figuren vorzudringen. Und auch James Bonds harte Schale verbirgt vor allem eines: Schmerz.

Fleabag: Staffel 1 jetzt, Staffel 2 ab 17. Mai 2019 auf Amazon Prime Video. Killing Eve: Staffel 1 auf DVD, Staffel 2 ab Mai 2019 auf BBC.

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