Mit der Leidenschaft der Jugend

Nach «J'ai tué ma mère» vor Jahresfrist entfesselt der erst 21jährige Frankokanadier Xavier Dolan mit seinem zweiten langen Spielfilm «Les amours imaginaires» ein Feuerwerk von Gefühlen, Farben und Verrücktheiten. Jetzt im Kinok.

Geri Krebs
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Unbeschwerte amour fou: Szene aus dem Spielfilm «Les amours imaginaires». (Bild: pd)

Unbeschwerte amour fou: Szene aus dem Spielfilm «Les amours imaginaires». (Bild: pd)

Eigentlich sind Marie (Monia Chokri) und Francis (Xavier Dolan) nur platonisch miteinander befreundet. Man geht zusammen aus, hängt an Parties herum und teilt auch sonst so manches miteinander. Da taucht eines Tages an einer Fete im heimatlichen Montreal der geheimnisvolle blond gelockte Schönling Nico (Niels Schneider) auf. Sogleich ist es um Marie und Francis geschehen: eine amour fou nimmt ihren Lauf.

Xavier Dolan war 17, als er seine stark aus dem eigenen Leben gegriffene Geschichte über einen rebellierenden Teenager, «J'ai tué ma mère», als Drehbuch aufschrieb. Und er war zwanzig, als er im Spätsommer 2009, nach der umjubelten Premiere dieses Erstlings in Cannes, mit der Arbeit am Drehbuch von «Les amours imaginaires» begann.

Lustvolles Spiel mit Zitaten

Er war in den Wochen davor mit seinen beiden Freunden Niels Schneider und Monia Chokri auf einer langen Reise durch Kanada und die USA unterwegs gewesen. Somit enthält diese Dreiecksgeschichte erneut viel Autobiographisches. Hinsichtlich Energie, Wucht, Tempo sowie überzeugend schmerzhaften Dialogen übertrifft «Les amours imaginaires» den Erstling noch. Xavier Dolan, der bereits einige Erfahrung als Schauspieler hat (er stand erstmals als Vierjähriger vor der Kamera), dosiert seine Verzweiflung, sein Selbstmitleid und seinen Seelenschmerz gekonnt. Und das Durcheinander an Bildern, das bisweilen bei «J'ai tué ma mère» überhand zu nehmen drohte, ist nun einem so lustvollen wie genau durchdachten Spiel mit Filmzitaten und Versatzstücken aus der Popkultur gewichen.

Mit Jahrgang 1989 ist Xavier Dolan durch und durch ein «Digital native»: Er gehört zu jener Generation, die daran gewöhnt sind, dass alle Bilder immer überall und jederzeit verfügbar sind – und er scheint bereits ein riesiges Bildergedächtnis zu haben.

Stilistisch orientiert er sich an einigen Regisseuren, die für die Generation der unter Dreissigjährigen zum Inbegriff des Weltkinos auf der Höhe des Zeitgeistes schlechthin zählen: An erster Stelle steht hier Wong Kar-Wai: Monia Chokri wirkt in so manchen Szenen von «Les amours imaginaires» wie eine europäische Maggie Cheung – wenn sie nicht gerade wie eine zeitgenössische Reinkarnation von Audrey Hepburn in geblümtem rotem Kleid und entsprechender Frisur durch die Strassen schwebt.

Von Godard bis Almodóvar

Gelegentlich erscheint einiges in dieser Bilderflut auch wie ein Zappen durch frühe Filme von Jean-Luc Godard. Aber ebenso kommen in einigen bonbonfarbenen, bewusst kitschigen Momenten immer mal wieder Reminiszenzen an Pedro Almodóvars Filme aus der Zeit der Madrider «Movida» auf. Auch damals hatten sich junge, unerschrockene Leute aufgemacht, die Welt neu zu entdecken: wild, voller Überschwang, sich um Konventionen scherend und frech den Fundus von Vorhandenem plündernd. Und mit einer Leidenschaft, die der Jugend vorbehalten ist.

Kinok in der Lokremise St. Gallen, morgen Do, 18 Uhr; 24., 18 Uhr; 27., 17.45, und letztmals 30.3., 18.15 Uhr