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Mit den Iren kommt ein neuer Idealismus

Von einem tief zerrütteten Europa handelt die neue Ausstellung in der St. Galler Stiftsbibliothek – und von jenen irischen Mönchen, die im Karolingerreich Hoffnung und Gelehrsamkeit verbreiten.
Rolf App
Im irischen Evangeliar besitzt St. Gallen eine der schönsten irischen Handschriften des Frühmittelalters. (Bild: Ralph Ribi)

Im irischen Evangeliar besitzt St. Gallen eine der schönsten irischen Handschriften des Frühmittelalters. (Bild: Ralph Ribi)

Rolf App

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@tagblatt.ch

Die älteste Beschreibung dessen, was noch heute fast jeden Sommer als das Ungeheuer von Loch Ness durch die Weltpresse geistert, stammt aus dem 9. Jahrhundert und findet sich in der neuen Sommerausstellung der St. Galler Stiftsbibliothek, die heute eröffnet wird und den Titel trägt «An der Wiege Europas – Irische Buchkultur des Frühmittelalters». Ein irischer Missionar namens Columba von Iona begegnet dem Monster, als er die Schotten zum Christentum bekehren will.

Fakten und Fiktion, bunt durcheinander

Nicht nur dieser Heilige verweist auf die irischen Wurzeln des Klosters St. Gallen. Und nicht nur hier gehen Fakten und Fiktion munter ineinander über. Dem heiligen Magnus wird nachgesagt, er habe im Allgäu mit dem Kolumbansstab einen Drachen getötet. Und Eusebius von Viktorsberg, auch er ein Ire, soll im Vorarlbergischen von einem Bauern mit der Sense enthauptet worden sein – aus Wut dar­über, dass er die Leute zur Einhaltung der Feiertagsruhe ermahnt hatte. Worauf Eusebius seinen Kopf nahm und in bis hin­auf zur Kapelle trug. All diese Geschichten spiegeln eine mittelalterliche Frömmigkeit – Magnus’ Arm wird über Jahrhunderte auf dem Land herumgeführt, denn er soll vor Engerlingen schützen. Bis in der Reformation diese Reliquie vernichtet wird.

Aber es gibt noch einen anderen Grund, warum in der neuen Ausstellung von ihnen die Rede ist: Das Kloster St. Gallen ist höchstwahrscheinlich das Werk des Iren Gallus, der im Gefolge Kolumbans auf den Kontinent kommt und hier um 615 mit Hilfe von Arbeitern des Herzogs Gunzo Hütten für zwölf Mönche baut. Rund hundert Klostergründungen des späten 6. und des 7. Jahrhunderts gehen auf das Konto dieser irischen Missionsbewegung, die, wie Stiftsbibliothekar Cornel Dora erklärt, jene geistige Leere füllt, die sich in der Spätantike nach den Wirren der Völkerwanderungen verbreitet. «Wir werden sterben, wenn wir nicht wieder fliegen lernen», zitiert Dora, was der Schriftsteller Urs Widmer kurz vor seinem Tod erklärt hat. «Die Iren waren Fluglehrer.» Denn, so Dora weiter, «sie brachten eine Lebensweise auf den Kontinent, die von Ideen geprägt war. Einen christlichen Idealismus, auf den sie sich vollständig, Tag und Nacht ausrichteten.»

Deren Regeln waren streng, wie Franziska Schnoor erklärt, die wissenschaftliche Mitarbeiterin der Stiftsbibliothek. Allerlei Prügelstrafen werden schon bei kleinen Vergehen angedroht, oder auch Fasten bei Wasser und Brot. Wobei die Mönche härtere Strafen zu gewärtigen haben als die Normalsterblichen. «Der absolute Gehorsam dem Abt gegenüber spielte eine ganz wichtige Rolle.»

Mit den Iren kommt ein enormer kultureller Aufschwung ins übrige Europa, mit ihnen verbreitet sich ein Mönchstum, das stark auf Gelehrsamkeit setzt. Zahlreiche Handschriften und Fragmente erzählen von diesem Einfluss. Das zweifellos prachtvollste ist das Irische Evangeliar, eine der schönsten irischen Handschriften des Frühmittelalters.

Auf dem Kontinent überlebt das irische Kulturgut

Umgekehrt werden Klöster wie St. Gallen zum Rettungsanker irischen Kulturguts, weil hier die Zeugnisse einer Frömmigkeit bewahrt werden, die in seiner Heimat selber bei den Invasionen von Wikingern, Normannen und zuletzt der Engländer zerstört werden. Neben der Auswanderung ist Fremdherrschaft das zweite grosse Thema der irischen Geschichte. In einem Land, das von zahllosen, kleinräumig herrschenden Königen regiert wird, «prägt diese politische Struktur auch die irische Mönchskirche», erklärt Philipp Lenz, der stellvertretende Stiftsbibliothekar. «Sie setzt sich stark ab von der Bischofskirche auf dem Kontinent.»

Hinweis

«An der Wiege Europas» wird heute Dienstag um 18.15 Uhr in der Stiftsbibliothek in Anwesenheit des irischen Botschafters eröffnet. Eine öffentliche Vorlesungsreihe vertieft bis in den Mai einzelne Aspekte.

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