Mit den Augen des Aussenseiters

Eine Fotografie sollte laut Robert Frank die Humanität des Moments und eine Vision enthalten. Dies zeigt sich in einer unprätentiösen Ausstellung zum Lebenswerk des renommierten Fotografen in der Kunsthalle Ziegelhütte in Appenzell.

Christina Genova
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Verleger Gerhard Steidl mit dem 91jährigen Robert Frank an der Vernissage in Appenzell. (Bild: Hanspeter Schiess)

Verleger Gerhard Steidl mit dem 91jährigen Robert Frank an der Vernissage in Appenzell. (Bild: Hanspeter Schiess)

APPENZELL. Als der Verleger Gerhard Steidl von Robert Frank wissen will, ob die gemeinsam geplante Ausstellung «Books and Films, 1947–2016» neben rund 50 Städten in aller Welt auch in Appenzell Halt machen soll, ist Frank gleich dabei: «Appenzell ist Heimat», antwortete der weltberühmte Fotograf. Appenzell ist auch eine Rückkehr.

1949 war Frank schon einmal in der Region und fotografierte an der Landsgemeinde in Hundwil. Zwei Jahre zuvor war er in die USA ausgewandert, kehrte aber für kurze Zeit nach Europa zurück, um zu reisen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wollte Robert Frank nichts wie weg aus der engen Schweiz. Bange Jahre lagen hinter dem in Zürich geborenen und aufgewachsenen Juden. «Wir wussten ja, was passieren würde, wenn Hitler die Schweiz überfällt», sagte er in einem Interview. Erst 1945, kurz vor Kriegsende, erhielt Frank die Schweizerische Staatsbürgerschaft. Wie gestern bekannt wurde, wird ihm am 24. Mai die Ehrenmedaille der Stadt Zürich – der Stadttaler – überreicht.

Appenzeller Charakterköpfe

An der Landsgemeinde in Hundwil entstand eine 23 Bilder umfassende Fotoreportage, nur eine der Fotografien wurde damals publiziert. Eine Auswahl ist in der Kunsthalle Ziegelhütte ausgestellt. Kein Wunder, dass sich die impressionistischen Bilder kaum verkaufen liessen: Sie zeigen die Zylinder tragende Regierung, fotografiert von hinten, die Musikkapelle im Gegenlicht, Appenzeller Charakterköpfe und Schaulustige, die sich im auf Hochglanz polierten Helm eines Wachtmeister spiegeln. In diesen Fotografien ist schon angelegt, was Robert Frank später mit dem Bildband «The Americans» weltberühmt machen wird: ein eigenwilliger, subjektiver Blick auf die Welt mit den Augen des Aussenseiters, der mit sicherem Gespür seinesgleichen identifiziert. Die Fotos zu «The Americans» entstehen 1955 und 1956, als Robert Frank dank eines Stipendiums der Guggenheim-Stiftung ausgedehnte Reisen durch die USA unternehmen kann. Aus über 20 000 Negativen suchte er schliesslich 83 aus. Dazu fertigte er Kontaktabzüge an. Zum ersten Mal sind in der Ausstellung einige der Bögen ausgestellt, die ausgewählten Fotos sind rot markiert. Es wird so nachvollziehbar, wie Frank gearbeitet hat. Da ist zum Beispiel das ikonische Bild der schwarzen Nanny mit dem weissen Baby auf dem Arm. Frank hat offensichtlich nur einmal abgedrückt, er wusste wohl instinktiv, dass das Bild gelungen war. Häufig gibt es aber mehrere Aufnahmen derselben Szene.

Bonjour Tristesse statt Amour

Robert Franks zutiefst humanistischer Blick auf die Welt zeigt sich auch in der Serie über das harte Leben walisischer Bergarbeiter von Anfang der 1950er-Jahre. Aus derselben Zeit stammen seine Fotografien von Paris «als einer Stadt, die weit weg ist von <amour>, die mehr <bonjour tristesse< ist», wie der Kurator der Kunsthalle Ziegelhütte, Roland Scotti, es formuliert.

Die Ausstellung «Books and Films» ist ganz nach dem Geschmack von Robert Frank. Im Titel werden die Fotos, die ihn berühmt gemacht haben, erst gar nicht erwähnt, sondern die Filme, die immer etwas im Schatten seines fotografischen Schaffens standen. 27 davon werden in einem kleinen Kino gezeigt, darunter «Pull My Daisy» und «Me and My Brother», die beiden bedeutendsten. «Cheap, quick, and dirty, that's how I like it» war Franks Reaktion, als er von Steidl erstmals von der Ausstellungsidee hörte. Denn für einmal werden keine Vintageprints gezeigt, die sehr zum Missfallen des Fotografen mittlerweile auf dem Kunstmarkt zu Phantasiepreisen gehandelt werden. Alle Fotos sind auf bis zu drei Meter lange Papierbahnen gedruckt und an die Wände genagelt worden. Am Ende der Ausstellung bleibt davon nichts übrig: In einem Happening dürfen die Bilder von der Wand genommen und zerschnitten werden.

Katalog für drei Franken

Überhaupt ist die Ausstellung eine Liebeserklärung an das bedruckte Papier und das Buch. Alle Bücher von Robert Frank, die in den letzten Jahren beim Steidl-Verlag neu herausgegeben wurden, hängen im Erdgeschoss von der Decke und es darf darin geblättert werden. «Robert Frank hat immer auf das gedruckte Bild hingearbeitet», sagt Roland Scotti. Besonders gelungen ist der Katalog zur Ausstellung, eine Sonderausgabe der Süddeutschen Zeitung, die für jeden Ausstellungsort neu gedruckt und zu einem unschlagbaren Preis verkauft wird. Sie enthält eine reichhaltige Zusammenstellung von Fotos, Interviews, Porträts und Kuriosa. So erfährt man zum Beispiel, dass Frank auf seiner Reise für «The Americans» verhaftet wurde. Der mit fremdländischem Akzent sprechende, schäbig gekleidete Fotograf hatte den Verdacht eines übereifrigen Polizisten erregt. «In dieser Zeitung ist mein ganzes Leben», habe Frank über die Publikation gesagt, erzählt Verleger Steidl. Und fragt rhetorisch: «Wo kann man schon ein ganzes Leben für drei Franken kaufen?»

Bis 30.10. Im Juni läuft der Dokumentarfilm «Don't Blink» über Robert Frank im Kinok St. Gallen und weiteren Kinos der Region.

Erstmals werden Kontaktabzüge des berühmten Bildbandes «The Americans» ausgestellt. (Bild: Ralph Ribi)

Erstmals werden Kontaktabzüge des berühmten Bildbandes «The Americans» ausgestellt. (Bild: Ralph Ribi)