Mit dem Tod im Kopf leben

Regisseurin Rebecca Panian porträtiert in «Zu Ende leben» einen Mann, der die Diagnose erhält, einen Hirntumor zu haben. Ihr einfühlsamer Dokumentarfilm versucht aufzuzeigen, wie das Wissen um den Tod das Leben prägt.

Andreas Stock
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Die ersehnte Reise zu den Nordlichtern: Szene aus dem Dokumentarfilm «Zu Ende leben». (Bild: pd/Filmcoopi)

Die ersehnte Reise zu den Nordlichtern: Szene aus dem Dokumentarfilm «Zu Ende leben». (Bild: pd/Filmcoopi)

Jedes Leben ist endlich. Für die meisten Menschen bleibt diese Endlichkeit aber unbestimmt, denn sie ist nicht mit einer konkreten Zeit verbunden. Worüber wir grundsätzlich wohl froh sind. Denn das erlaubt, den Tod zu verdrängen. Für Thomas Niessl ist das anders. Als 50-Jähriger wurde bei ihm ein unheilbarer Hirntumor diagnostiziert. Die Ärzte haben ihm darauf noch zwei bis sechs Jahre gegeben.

Die 36jährige Rebecca Panian erzählt in «Zu Ende leben», ihrem ersten abendfüllenden Dokumentarfilm, die Geschichte von Tom. Sie begleitet ihn mehrere Monate, sie lässt Eltern, Geschwister und Freunde zu Wort kommen. Und sie versammelt 18 Schweizerinnen und Schweizer, darunter Ärzte, eine Pfarrerin und Kulturschaffende wie die Schriftsteller Franz Hohler und Pedro Lenz, die sich auch zum Sterben und zum Tod äussern.

Ein Film über das Leben

Der Tod ihres Vaters habe sie gelehrt, dass es unsinnig sei, den Tod zu verdrängen, schreibt Rebecca Panian im Presseheft. «Die Angst vor dem Tod hält uns nicht vom Sterben ab, sondern vom Leben.» Aus dieser Überzeugung habe sie den Film gemacht, der darum auch kein Film über das Sterben, sondern über das Leben sei. Dieser Satz gilt für viele «Sterbefilme». «Der Tod erinnert uns daran, wie wertvoll das Leben ist», formuliert es Clown Dimitri. Tom Niessl lebt sein terminiertes Leben in diesem Sinne; er hat aufgehört zu arbeiten, und der Tod im Kopf hat seinen Lebenshunger und seine Lebensfreude geweckt. Er sei stärker, fröhlicher und glücklicher als je in seinem Leben – das sei doch furchtbar, meint seine Mutter. Doch Niessl sagt einmal, die Krankheit sei eine Erlösung aus einer Arbeitswelt gewesen, in der er nur noch gelitten habe.

Viele Fragen, viele Antworten

Panian begleitet ihren Protagonisten zu Ärzten, zu Therapien der Schul- und der Alternativmedizin, zu Familientreffen, ins Spital zu einer weiteren Operation. Und gegen Ende des Films auf jener Reise, die Thomas Niessl unbedingt machen will: in den finnischen Norden, wo er die Polarlichter am winterlichen Nachthimmel sehen möchte. Das alles ist teils berührend, manchmal witzig. Wobei die Geschichte von Niessl immer wieder durch kurze Statements der weiteren Gesprächspartner unterbrochen wird: Was, wenn morgen der letzte Tag im Leben wäre? Wo liegen die Grenzen und Widersprüche der Medizin? Was ist Lebensqualität? Sind Sie gerne traurig? Reden Sie mit anderen über das Sterben? Wie stehen Sie zur Sterbehilfe? Wie wollen Sie Abschied nehmen?

Es sind viele, zu viele Themen, die man in 90 Minuten unterbringen will. Und oft in zwei, drei Aussagen abgehakt werden müssen. Dabei wird im Film Gegenteiliges vertreten: sich Zeit zu nehmen für die wichtigen Dinge, den Moment zu geniessen. Was für die Regisseurin etwa geheissen hätte, sich auf die spannendsten Aspekte zu beschränken. Wie etwa die Frage, warum der Mensch sein Leben oft erst überdenkt oder ändert, wenn er konkret um den Tod weiss.

Verführerische Natur

Während die Interviewpartner in einem Studio im breiten Polstersessel sitzen und die Gespräche mit Tom Niessl und seiner Familie vor Ort stattfinden, nutzt Rebecca Panian zwei visuelle Geschichten zur Auflockerung der vielen Gespräche: Das Fällen einer Tanne, aus deren Holz schliesslich ein sinnfälliger Gegenstand (nein, kein Sarg) entsteht, sowie die Reise zu den Polarlichtern. Wobei die klirrend-klare Schönheit der Natur eine visuelle Einladung darstellt, die freilich unwiderstehlich ist. Was Rebecca Panian allerdings zu einem metaphorisch heiklen Schlussbild verleitet, über dessen vermeintlich berührende Poesie sich streiten lässt.

Jetzt im Kinok St. Gallen, Cinetreff Herisau, Passerelle Wattwil und Cinewil Wil. Fr, 17.4., 19 Uhr, sind Rebecca Panian und Thomas Niessl im Kinok St. Gallen anwesend.

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