Mit dem Herzen eines Hippies

Joss Stone hat die letzten Jahre damit zugebracht, inkognito durch Europa zu tingeln oder im Wald zu leben. Jetzt veröffentlicht die Britin ihr siebtes Soloalbum, das von ihrer Liebe zum Reggae und zur Entspanntheit zeugt.

Michael Gasser
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2011 wollten zwei Männer Joss Stone umbringen. Auf ihrem neuen Album singt sie sich zurück ins Leben. (Bild: pd)

2011 wollten zwei Männer Joss Stone umbringen. Auf ihrem neuen Album singt sie sich zurück ins Leben. (Bild: pd)

Super-Heavy, das Musikprojekt von Mick Jagger, Dave Stewart und Joss Stone, brachte 2011 nur eine einzige und obendrein selbstgefällige Platte zustande. Dann war wieder Schluss. Obschon der Band niemand nachtrauerte, lohnte sich deren Existenz: Stone lernte bei den Aufnahmen Damien Marley, den jüngsten Sohn von Bob Marley, kennen – und den Reggae lieben.

Sound, den sie liebt

Anfänglich stand die Karriere der Britin ganz im Zeichen des Souls, doch je länger je mehr entpuppt sie sich als Schwamm, der alle möglichen Musikgattungen in sich aufsaugt. Dennoch oder gerade deswegen pocht Stone darauf, kein Genre zu bevorzugen. Dementsprechend paaren sich auf ihrer siebten Soloplatte, «Water For Your Soul», Hip-Hop und Reggae mit Funk oder Folk. Es sei eine Kombination aus Sounds, die sie liebe, betont die Künstlerin, die als Jocelyn Stoker geboren wurde.

Ihre eigene Herrin geworden

Als Stone 2003 ihr Début «The Soul Sessions» veröffentlichte, war sie gerade mal sechzehnjährig und wurde als Soulsensation gefeiert. Trotz Millionen verkaufter CDs zeigte sie sich mit ihrer Situation rasch unzufrieden: 2008 prozessierte sie gegen ihre damalige Plattenfirma EMI. «Man nimmt tolle Musiker unter Vertrag, hemmt aber deren Entwicklung und ist nur am Geldverdienen interessiert», klagte Stone noch vergangene Woche in einem Interview mit dem englischen «Telegraph». Zwei Millionen Pfund soll es sie letztlich gekostet haben, aus dem Kontrakt mit EMI auszusteigen. Seit fünf Jahren ist die Tochter eines Obsthändlers nun selbst Besitzerin einer Plattenfirma und ihre eigene Herrin.

Das beschert Stone weniger Einnahmen als früher, erlaubt es ihr aber, sich Zeit wie gewünscht zu nehmen. Obwohl sie ihre aktuelle CD bereits 2011 ankündigte, erscheint diese erst jetzt. Nicht zuletzt, weil die 28-Jährige ihren Tournée-Traum umzusetzen begonnen hat: in allen 204 Ländern weltweit aufzutreten. Zudem hat sie sich eine zwölfmonatige Auszeit gegönnt, bei der sie mit ihrem damaligen Partner und einem Bus durch Europa tingelte, betont frugal lebte und gar einen Monat im Wald und unter freiem Himmel verbrachte.

Reggae mit Ambivalenzen

Möglicherweise war dies eine Reaktion auf die 2011 öffentlich gewordenen Pläne zweier Briten, die 28-Jährige auszurauben und anschliessend zu ermorden. Die Missetäter sitzen mittlerweile hinter Gittern und Joss Stone hat sich zur Sicherheit mehrere Hunde zugelegt, darunter ein Rottweiler. Nach aussen hin gibt sich Stone ob der Ereignisse unbeeindruckt. Und betont stattdessen immer wieder aufs Neue, wie viel Spass ihr das Leben und die Musik bereiteten.

Ein Vergnügen, das sich in den vierzehn Songs widerspiegelt. «Love Me» heisst es zum Auftakt, womit der Grundton für die Platte gesetzt ist: Linde Grooves treffen auf einlullenden Reggae. Doch bevor man sanft entschlummert, rüttelt Stones Stimmorgan auf und heischt erst nach Liebe, dann wird eindringlich gezetert. Ähnlich ambivalent geht es in «This Ain't Love» zur Sache: Unterlegt mit mildem, elastischem Dub-Funk macht Stone ihrem Ärger über den Lover Luft, schickt ihn verbal zum Teufel, hält aber trotz allem an ihm fest.

Persönlich gefärbt

Tracks wie das mit Flamenco-Gitarre angereicherte «Let Me Breathe» oder das zwischen Americana und Soul pulsierende «Stuck On You» sind so persönlich gefärbt, dass sie den Hörer an Stones simpel gestrickter Gefühlswelt teilhaben lassen: Die Sängerin sorgt sich um die Umwelt («Clean Water») oder das Musikbusiness («Wake Up») und lobt, umspielt von Klängen einer indischen Flöte, die Vorzüge von Marihuana («Sensimilla»).

Zunehmende Beseeltheit

Mit dem neuen Longplayer verfolgt Stone, die bisweilen auch als Schauspielerin zu sehen ist («The Tudors»), ihren ganz persönlichen World-Music-Mix. «Water For Your Soul» klingt derart locker und entspannt, dass man auch über vereinzelte Fehltritte – wie dem Versuch, Patois («Cut The Line») zu singen – hinwegsieht. Vor allem aber beweist das Album, dass Stone das idealistische Herz eines Hippies besitzt und dass ihre Stimme längst nicht mehr nur durch schiere Kraft, sondern auch zunehmend durch Beseeltheit brilliert.

Joss Stone: «Water For Your Soul» (Stone'd/Sony)