«Mit dem Gehirn voll Feuer»

«Best of Fred» versammelt eine kluge Auswahl aus Fred Kurers poetischem Werk aus sechzig Jahren. Da ist das ewige Fernweh drin, die präzise Beobachtung und die Einsicht in die Endlichkeit allen Seins.

Dieter Langhart
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Fred Kurer daheim. (Bild: Ralph Ribi (18.5.2016))

Fred Kurer daheim. (Bild: Ralph Ribi (18.5.2016))

Fred Kurer ist ein wunderbarer Dichter. Im Frauenfelder Verlag Waldgut ist dieser Tage «Best of Fred» erschienen, eine sorgsame Auswahl der Gedichte, die Fred Kurer seit 1956 und bis heute verfasst hat. Es war an der Zeit, denn die meisten seiner Bücher sind längst vergriffen. Am Sonntag ist Buchvernissage im heimischen St. Gallen, mit Herausgeberin Irène Bourquin am Mikrophon und Barry Guy am Kontrabass.

Sechzig Jahre Lyrik. Daneben Schüler unterrichten, die Kellerbühne fast ein Jahrzehnt leiten, Sachen für das Theater und für den Äther schreiben, übersetzen. Und dazwischen immer wieder unterwegs sein: schreib ein zutiefst tragisches gedicht / dein ewiges fernweh betreffend und / deine geworfenheit, schreibt er unter 404 in seiner «Aufgabensammlung für angehende Lyriker System Craig Szury».

Fred Kurers Reisen kondensieren in seinen Gedichten zu einer umfassenden Weltsicht, die kaum einer in achtzig Lebensjahren erlangt. Bruce Chatwin hatte sie, Joseph Conrad hatte sie, und beide verehrt der Anglist und Germanist sehr. Und dennoch weist der Dichter sein Unterwegssein auch in die Schranken – das Bändchen heisst «ich möchte nicht nur vogel sein». Im letzten der acht Kapitel ehrt Fred Kurer unter anderem seine Grossväter und seine Eltern; es heisst «Homeland», denn Kurer liegt das Heimattümelige gar nicht. Auch wenn der Säntis vorkommt – im Appell an die vegetarischen Köche, «grausame Menschen», weil sie ihm kein saftiges Steak servieren mögen.

Offene Augen und Splitter von Empfindungen

Ob vor der Tür, ob Down Under: Fred Kurer lässt sich Zeit – aus den Gedichten atmet eine phänomenale Langsamkeit, die nichts mit dem Alter zu tun hat. Fred Kurer schaut und hört genau hin, dann sammelt er seine Eindrücke – Splitter von Empfindungen – und giesst sie frei in Zeilen, die sich nie formalen Fesseln unterwerfen. Reim oder Versmass würden ihn nur behindern, er schreibt klein oder gross oder bunt gemischt. Prosaisch ist diese Lyrik nie, denn da plappert kein Dichter, da spricht ein Autor, der alle stilistischen Register ziehen kann, der das Wesentliche in dem erkennt, das ihm widerfährt oder über das er nachdenkt, und der es in knappe Zeilen steckt, stets konkret und anschaulich. Am stärksten verdichtet sind die «Epigonalen Strofen».

Starke Bilder schafft Fred Kurer: der gleiche wind / der uns greift und schüttelt / treibt dich federleicht als vogel / und lässt dich schweben («Wales»). Oder: Man hält es aus im / Ätzenden Maul des Sommers («Australiensommer»). Und ungehörte Wendungen findet er wie den Alltagsanzug Haut. Oder: jetzt / da es wintert / würd ich gern / noch einmal wörter / als flocken / auf mich schneien lassen («altersblues I»). Oder: hier auf dem schädel der welt halt ich an («Wege»). Und bisweilen braucht er derbe Wörter, wenn es ihm oder der Welt nicht gut geht. Dann packt er seinen Rucksack und wirft das Scheissgerümpel weg mitsamt dem Schlafsack, diesen Sauhund, der mich nie schlafen liess, weil viel zu eng.

Mit den Jahren wird bei Fred Kurer eine leise Wehmut spürbar, etwa in «Konjunktiv»: Wie schön wär's doch, den Augenblick zu halten. Trauer und Lebensfreude in perfekter Balance – eben der Altersblues, dem ein Kapitel gewidmet ist.

Eines der schönsten Gedichte ist «Webb Desert»: Der Grad von Nichtsein / Ist wichtig // Leer dazusitzen / In der Wüste / In der Sonne // Das Feuer empfangen // […] Ganz still / Ganz still sitzen // Nur ganz / Entfernt noch / Mensch.

Buchvernissage: So, 27.11., 10.30 Uhr, kaf, Hauptpost St. Gallen (Tür 10 Uhr)

Fred Kurer: ich möchte nicht nur vogel sein. Gedichte 1956–2016. Waldgut 2016, 120 S., Fr. 24.–

Fred Kurer: ich möchte nicht nur vogel sein. Gedichte 1956–2016. Waldgut 2016, 120 S., Fr. 24.–