Mit Christa W. das Gewebe der Zeit berühren

Wir sind einander nie begegnet. Und doch ist da das Gefühl, oft mit dieser Frau am Küchentisch gesessen zu sein. Morgens beim erstaunten, zuweilen ratlosen Blick auf die Schlagzeilen der «Berliner Zeitung». Oder bei einer Minestrone, von Gerhard Wolf mit Liebe zubereitet.

Bettina Kugler
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book (Bild: Bettina Kugler)

book (Bild: Bettina Kugler)

Wir sind einander nie begegnet. Und doch ist da das Gefühl, oft mit dieser Frau am Küchentisch gesessen zu sein. Morgens beim erstaunten, zuweilen ratlosen Blick auf die Schlagzeilen der «Berliner Zeitung». Oder bei einer Minestrone, von Gerhard Wolf mit Liebe zubereitet. Als hätte ich schon einmal für ein paar Tage den Briefkasten bei ihr geleert, weiss ich, von wem sie Post bekommen hat – und welche Kataloge. Welche Vorabendserien sie angeschaut, bei welchen Filmen sie eingeschlafen ist. Am schönsten jedoch bleibt: ihr beim Schreiben, der gewissenhaften Aufzeichnung jenes Septembertages über die Schulter zu blicken, den sie Jahr für Jahr mit mikroskopischer Genauigkeit festgehalten hat.

Von 1960 bis 2011 hat Christa Wolf jeweils am 27. September das Leben in allen Facetten angeschaut und aufgeschrieben, was war: vom Frühstücksbrot der Kinder bis zu den «grossen» politischen Ereignissen in ihrer Wirkung auf diesen einen Tag. Eine «manchmal genussvolle, manchmal lästige Pflichtübung» sei es gewesen, bilanziert sie im Vorwort des posthum erschienenen Bandes aus dem neuen Jahrhundert. Es sind ihre Altersnotizen, geschrieben im Bewusstsein, dass ihre Zeit vorbei ist, gleichwohl hellwach für die gesellschaftlichen Entwicklungen nach dem Zusammenbruch «des Landes, in dem ich bis 1989 Anteil nehmend lebte» – die DDR. Ein berührender Beleg dafür, dass Leben mehr ist als die Summe der Augenblicke, von einer Frau, die mindestens so sehr Familienmensch wie Zeitgenossin war.

Christa Wolf, Ein Tag im Jahr im neuen Jahrhundert 2001–2011, Suhrkamp, 2013

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