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Mit Charme und Charisma

Sie heissen Joe Ackermann und Sepp Blatter, Lance Armstrong und Jörg Kachelmann. Ihr Aufstieg ist ebenso wenig Zufall wie ihr tiefer Fall. Das legt Roger Schawinski in einem Buch dar.
Rolf App
Lance Armstrong: «Der grösste Radfahrer aller Zeiten» im Doping-Sumpf versunken, aber ohne Reue. (Bild: ap/Graham Hughes)

Lance Armstrong: «Der grösste Radfahrer aller Zeiten» im Doping-Sumpf versunken, aber ohne Reue. (Bild: ap/Graham Hughes)

Roger Schawinski kennt sie fast alle. Er hat sie im Studio befragt, hat mit ihnen Geschäfte getätigt oder ist ihnen in anderen Zusammenhängen begegnet. Wie dem Velorennfahrer Lance Armstrong, mit dem Schawinskis Buch über die Narzissten beginnt, das heute erscheint.

Lance Armstrongs Karriere

Schawinski hat sich einen Platz gesichert im Grand Hotel Kronenhof in Pontresina, um Lance Armstrong reden zu hören, den «erfolgreichsten Radrennfahrer aller Zeiten». Als Armstrongs Tischnachbarin kurz verschwindet, ergreift Schawinski die Chance und setzt sich neben den Mann, der eine lebensbedrohliche Krankheit überwunden, einzigartigen Ruhm geerntet und tief gefallen ist. Und der heute in der Welt herumtingelt, um jene hundert Millionen Dollar aufzutreiben, die sein langjähriger Sponsor zurückverlangt, nachdem Armstrongs Dopingpraktiken aufgedeckt worden sind.

Eine Krankheit der Gesellschaft

Diesen Mann nun fragt Schawinski, welches sein grösster Fehler gewesen sei. Lance Armstrong antwortet nicht: Dass ich gelogen und betrogen habe mit meinem Doping. Er sagt: «Dass ich in den Rennsport zurückgekommen bin. Hätte ich dies nicht getan, wäre ich noch immer der bedeutendste Radrennfahrer der Geschichte.»

Etwas ganz Ähnliches sagt Sepp Blatter, als er vom Olymp des Fussballverbands Fifa stürzt. Von einem Olymp, auf dem nicht nur er den Realitätssinn verloren hat. «Narzissmus» heisst die Krankheit, die Roger Schawinski da diagnostiziert, und der er in einem Buch anhand diverser Fallstudien von Josef Ackermann bis Jörg Kachelmann und Pablo Escobar bis Daniel Vasella nachgeht. Er beschreibt lauter Ehrgeizige, die auch im Erfolg grenzenlos ruhmsüchtig bleiben.

Das Thema ist deshalb über den Kreis der Beschriebenen hinaus von Belang, weil dieser Narzissmus unsere Gesellschaft mehr und mehr prägt. Es ist, stellt Schawinski keineswegs als Erster fest, ein «Zeitalter des Narzissmus», in dem wir leben.

Denn die Menschen, die so extrem egozentrisch sind wie die von ihm Porträtierten, finden in einer Welt von Geltungssüchtigen ein wohl bestelltes Feld. Schawinski zitiert Studien, denen zufolge Studenten in den USA heute markant tiefere Empathiewerte aufweisen als vor zwanzig oder dreissig Jahren. Und er stellt fest, der Hang zum Narzissmus sei ausgeprägt bei den zwischen 1980 und 2000 Geborenen. «Sie sind als Digital Natives durch die grundlegende Veränderung ihrer Kommunikationsformen anfällig.»

Narzissmus als Plombe

Man fragt sich, warum das so ist. Warum in seinen Worten der Selfiestick «die Monstranz des heutigen, schamlos präsentierten Narzissmus ist». Und erwartet sich vom Psychiater Mario Gmür nähere Auskunft, mit dem Roger Schawinski spricht, nachdem er seine prominenten Narzissten abgearbeitet hat. Doch geht es da zuallererst um ein verändertes psychiatrisches Klassifikationssystem und weniger um den Tiefenblick in die Gesellschaft. Gmür sagt gewiss interessante Dinge. Etwa, indem er den Psychoanalytiker Fritz Morgenthaler zitiert, dem zufolge das narzisstische Symptom «gewissermassen eine Plombe ist, die dazu dient, eine narzisstische Lücke – also ein Selbstdefizit – aufzufüllen.» Menschen mit narzisstischem Charakter «neigen vor allem dazu, andere Menschen als ihr erweitertes Selbst zu betrachten, sie zu beherrschen und sie zu manipulieren, sie gewissermassen als ihren eigenen Besitz zu beanspruchen».

Sepp Blatter im Chäs-Lädeli

Was sich da im konkreten Fall abspielt, das zeigt Roger Schawinski anschaulich. Etwa, indem er beschreibt, wie Sepp Blatter sogar das Chäs-Lädeli im Zürichberg-Quartier zu seiner Bühne macht, oder wie er sich in seinem riesigen Büro benimmt, ein ausgebuffter Menschenkenner, der den Besucher mit Charme, Charisma und Weisswein für sich einzunehmen weiss.

Bewunderer gesucht

Wie solche Menschen funktionieren, das ist gewiss interessant zu beobachten. Noch wichtiger aber wäre gewesen, Schawinski hätte an ihrem Beispiel die moderne Gesellschaft einer näheren Betrachtung unterzogen. Denn behaupten kann sich der Narzisst nur, so lange es Menschen gibt, die ihm folgen und die ihn bewundern.

Was man, zum Beispiel, in Schawinskis Beschreibung der Begegnung mit Lance Armstrong deutlich spürt.

Roger Schawinski: Ich bin der Allergrösste. Warum Narzissten scheitern, Kein & Aber 2016, 218 S., Fr. 25.90

Roger Schawinski Journalist, Buchautor und Medienunternehmer (Bild: ky/Walter Bieri)

Roger Schawinski Journalist, Buchautor und Medienunternehmer (Bild: ky/Walter Bieri)

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