Mit Bruckners Urgewalt

Simon Rattle präsentiert seine eigene, imaginäre Haydn-Sinfonie in elf Sätzen, Christian Thielemann macht Bruckners Sechste zum Ereignis: Zwei Abende am Lucerne Festival.

Rolf App
Merken
Drucken
Teilen
Christian Thielemann (Bild: Matthias Creutziger)

Christian Thielemann (Bild: Matthias Creutziger)

«Das geht ja nicht mehr lange», sagt die Dame neben mir zu ihrem Mann. In der Tat: Nächsten Sonntag geht das diesjährige Lucerne Festival im Sommer zu Ende, mit ihm endet ein Reigen hochkarätiger Auftritte. Zum Beispiel jener der Berliner Philharmoniker unter Simon Rattle und der Sächsischen Staatskapelle Dresden unter Christian Thielemann. Sie zeigen, wie gegensätzlich Orchester doch sein können.

«Jetzt kommt ein Abenteuer»

Simon Rattle erscheint nach der Pause an diesem 2. September mit dem Mikrophon in der Hand auf dem Podium. Erstaunlicherweise redet er deutsch. Und sagt: «Meine Damen und Herren, jetzt kommt ein Abenteuer.» Joseph Haydn, das sei «wie ein Eisberg: man kennt nur gerade fünf Prozent». Weshalb Haydn denn auch unter den grossen Komponisten der am meisten unterschätzte sei.

Produktiv ist der Mann gewiss gewesen. Unglaublich produktiv sogar. Denn auf Schloss Eszterhaza, das sein Dienstherr fernab der Metropolen sich hatte bauen lassen, war nichts los. Also sorgte sein Kapellmeister dafür, dass etwas los war. Und schrieb, beispielsweise, fünfzig Stücke für die Flötenuhr. Das war eine kostbare mechanische Uhr, die mit einer kleinen Orgel kombiniert war. «Ich stelle mir vor, wie es da getönt hat, um Mitternacht, im Schloss», sagt Rattle und hebt seinen Stab zu jener «Symphonie imaginaire», die er zusammen mit Markus Fein aus Haydns Werken zusammengestellt und arrangiert hat. Haydns Witz, seine Lust an allerlei Überraschungen, finden im quicklebendigen Dirigenten und seinem wachen, klein besetzten und deshalb auch sehr durchsichtig klingenden Orchester die idealen Interpreten.

Bronfman, ganz zart

Fast eine Woche darauf tut sich eine andere Welt auf. Die Sächsische Staatskapelle Dresden ist mit ihrem Dirigenten Christian Thielemann angereist, mit Thielemann zusammen betritt der Pianist Yefim Bronfman die Bühne, ein kräftiger Mann, der seinem Instrument unglaublich zarte Töne zu entlocken versteht. Ludwig van Beethovens Klavierkonzert Nr. 3 c-Moll braucht so etwas, und unter Bronfmans Händen und Thielemanns Stabführung gerät vor allem das Adagio zum eindrücklichen Erlebnis.

Bruckner, heftig

Dann wird die Bühne des Kunst- und Kongresszentrums Luzern noch voller, denn Anton Bruckners Sinfonie Nr. 6 A-Dur erfordert alles, was ein grosses Orchester so zu bieten hat. Vor allem: viel Blech – Trompeten, Hörner, Posaunen, Tuba. Leise, rhythmisch setzt das Orchester ein, bevor der erste Ausbruch kommt. Es sind die enormen Kontraste, die diese Sinfonie zu einem Ausdruck Bruckner'scher Urgewalten machen. Thielemann aber erweist sich als ein Meister darin, das orchestrale Gewitter – und die oft geheimnisvollen Ruhephasen dazwischen – präzis zum Klingen zu bringen. So dass ihm die Begeisterung des Publikums sicher ist, auch wenn sich dazu niemand von seinem Sitz erheben mag.

Simon Rattle (Bild: Priska Ketterer)

Simon Rattle (Bild: Priska Ketterer)