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Mit blau-grünen Glasaugen

Sie führt ein Leben ohne Licht: Die Radiojournalistin und Buchautorin Yvonn Scherrer lebt seit frühester Kindheit mit Glasaugen. In ihren faszinierenden Büchern werden Geruch und Tastsinn zu reichen Fremdsprachen.
Hansruedi Kugler
Yvonn Scherrer mit ihrem Blindenhund Safir. (Bild: Hansruedi Kugler)

Yvonn Scherrer mit ihrem Blindenhund Safir. (Bild: Hansruedi Kugler)

«Denk dran, du hast nicht nur zwei, sondern zehn Fingeraugen.» Das sagt ihre Mutter jeweils, wenn die kleine Yvonn mal wieder ausgelacht wird, weil sie keine Augen, sondern nur Glasaugen hat und nichts sieht. Es ist eines jener berührenden Kapitel in Yvonn Scherrers Buch «Hänglisch», das einem die Augen öffnet für die Welt der blinden Menschen. Man spürt: Der frühe Trost der Mutter machte sie stark und war nicht nur Trost, sondern auch Ansporn und Ermutigung: «Blind zu sein, ist enorm anstrengend», sagt Yvonn Scherrer heute. Sich aufs Gehör verlassen, auf die Menschen zugehen, Hilfe einfordern, Missverständnisse aufklären. «Wir haben aber auch viele Möglichkeiten. Das will ich aufzeigen», sagt die Journalistin und Buchautorin. Ihr eigenes Leben ist dafür das beste Beispiel. Und es gibt in «Hänglisch» Passagen, die einem das Oberflächliche und Flüchtige des Sehens fast schon beschämend erscheinen lassen. Dann nämlich, wenn sie die Intensität des langsamen Tastens und Berührens beschreibt: Ein Apfel, ein Hefeteig, das Gesicht des Liebsten – «das Langsamste ist häufig das Schönste».

Schneller als Sehende

Langsam ist Yvonn Scherrer aber in ihrem Leben keineswegs immer. Sie liest genauso fliessend wie ein lesegeübter Sehender. Wer sie schon mal an den Solothurner Literaturtagen im Zelt für «Literatur im Dunkeln» gehört hat, staunt. Dort liest sie aus literarischen Neuerscheinungen und interviewt anschliessend die Autorinnen und Autoren. Mit ihrem warmen, fröhlichen Berndeutsch füllt sie die totale Dunkelheit mit einer verblüffenden Selbstverständlichkeit: Ihr Lesegerät ist ein Minicomputer, der jeweils eine Textzeile in Blindenschrift anzeigt. Sie saust gleichzeitig mit Zeige-, Mittel- und Ringfinger über die Schrift. Sitzt man ihr dann im Café gegenüber und schaut in ihre Augen, staunt man gleich nochmals: Ihre blau-grünen Glasaugen glänzen absolut lebensecht. Yvonn Scherrer schwärmt von ihrem «phantastischen Augenkünstler» aus Stuttgart und sagt: «Seit ich Augen von Martin Klett habe, reagieren die Menschen viel besser auf mich.» Wenn sie von ihrer Erblindung erzählt, stockt einem der Atem: Sie war gerade mal sieben Monate alt, als die Diagnose Netzhautkrebs die Ärzte zur sofortigen Entfernung beider Augen zwang.

Tramnetz im Kopf

Das Café Sprüngli am Zürcher Paradeplatz wählt Yvonn Scherrer selbst als Treffpunkt aus. Das Tramnetz hat sie im Kopf, so bewegt sie sich selbständig in der ganzen Stadt. Die ausgebaute Infrastruktur ist ein Grund, warum sie in Zürich lebt. Der andere: Ihr Arbeitsplatz im Radiostudio Zürich, wo sie als erste und einzige blinde Radiojournalistin arbeitet und vor allem Reportagen und Hintergrundbeiträge realisiert. Kürzlich hat sie auf Radio SRF 2 eine Reportage über das Musikautomatenmuseum in Oberhofen realisiert und auf SRF 1 eine Meeresbiologin porträtiert. Für ihre einstündige Sendung auf SRF 1 über die Seidenproduktion in der Schweiz gewann sie einen Medienpreis vom internationalen Verband der Agrarjournalisten.

Yvonn Scherrer ist eine Pionierin. Schon im Gymnasium ist das so: Ihr Wille ist stark und die Mutter lernt früh die Blindenschrift. Die Eltern fahren sie jahrelang in die 20 Kilometer entfernte Schule. Der Mathelehrer im Gymnasium baut geometrische Reliefs für sie. Später studiert Yvonn Scherrer Theologie, lässt sich zur Aromatherapeutin und zur Radioiournalistin ausbilden. Im Radiostudio hat sie ein spezielles Mischpult, das mit ihr spricht, und das statt mit blossen Display-Anzeigen mit manuellen Reglern ausgestattet ist. Hilfe brauche sie in ihrem Beruf nur punktuell, etwa bei schwierigen Aussenaufnahmen.

Zeigefinger und Handschlag

Yvonn Scherrer traut sich einiges zu, eine Frau mit grosser Willensstärke: «Dass ich eine Perfektionistin bin, hilft mir enorm», sagt sie. Über das Zusammenleben von blinden und sehenden Menschen hat sie eine Menge zu erzählen. Einiges ärgert sie: dass sie und ihr Blindenhund Safir am Hauptbahnhof in Zürich trotz Blindenstock immer öfters angerempelt werden («die Leute schauen nur noch auf ihre Smartphones») oder dass Leute aus Unkenntnis extra langsam mit ihr sprechen und sie so für dumm halten. Ein fröhliches Naturell zu haben, helfe darüber hinweg und man brauche viel Selbstvertrauen: «Wir blinden Menschen können es uns nicht leisten, es den Leuten schwer zu machen», sagt Yvonn Scherrer. «Lebensfreude, Humor und Selbstironie helfen sehr.» Davon hat sie reichlich, das merkt man in ihren Büchern: In «Nasbüechli» spürt sie dem Reich der Düfte nach – ein faszinierendes Tagebuch des Riechens von der Aare bis zu den Kakaoplantagen in Brasilien.

Farbgerät im Kleiderschrank

In ihrem neuen Buch «Hänglisch» erzählt sie in Berndeutsch vom Tasten, Begreifen, Anfassen. Wie existenziell wichtig das Tasten ist, schreibt sie gleich in der ersten Geschichte: Für sie als Blinde sei der Zeigefinger ihr wichtigster Mitarbeiter. Ohne ihn könnte sie nie so schnell lesen. Angesprochen wird sie oft auf das Kapitel über den Handschlag. «Wart nid, bis si zu dir chöme u d Hang müesse us dym Hosesack zie», schreibt sie in «D Hang gä» – als Rat für die blinden Menschen. «Der Handschlag ist in unserer Kultur so stark verwurzelt, für uns Blinde aber oft ein Stress, weil wir nicht sehen, ob und wo das Gegenüber die Hand ausstreckt», sagt sie. Ihr Rat: In Richtung der Stimme gehen und die Hand selbst ausstrecken. Auch wenn sie sich am Bahnhof über Smartphone-Versessene ärgert: Für sie ist das Smartphone ein Segen. Dank Voice-over spricht das Handy mit ihr, liest ihr E-Mails und SMS, Wetterbericht und SBB-Fahrpläne vor. Umgekehrt kann sie alle Texte diktieren und via Voice-over korrigieren. «Manchmal knipse ich sogar Fotos, die ich dann Bekannten zeige», sagt sie und lacht. Für die Orientierung in der Stadt aber benutzt sie das GPS im Smartphone nicht. «Ich lerne lieber den Weg zusammen mit meinem Hund. Da bin ich noch ein wenig altmodisch.»

Ein verblüffendes Kapitel in «Hänglisch» ist jenes über die Farben. Grün stelle sie sich als Dreieck vor, Rot als heisses Glas, Violett wie Samt. «Farben wurden früher ja auch zum Beispiel aus Lapislazuli oder aus Läusen gemacht», sagt sie und lacht. Farben sind ihr auch bei ihrer Kleidung wichtig: Sie besitzt ein Farberkennungsgerät, das ihr die Farben ihrer Kleider mitteilt. In der Regel kauft sie aber ihre Kleider als Einzelstücke, sodass sie diese am Schnitt unterscheiden kann. «Heute hatte ich Lust auf sommerliche Bestimmtheit», sagt sie. Deshalb die violette Bluse. Ob sie etwas vermisst, so ganz ohne Augenlicht? «Ja, den Vollmond würde ich gerne einmal sehen.»

Yvonn Scherrer: «Nasbüechli» (2012) und «Hänglisch» (2015), Cosmos Verlag, beide sind auch als Hörbücher erhältlich.

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