«Mit Bach ist man immer besser dran als ohne»: Rudolf Lutz improvisierte im Livestream an der Orgel in Stein AR

Kein «Actus Tragicus» wie im Kantatenzyklus der J.S. Bach-Stiftung St. Gallen vorgesehen - stattdessen spielte Rudolf Lutz am Freitagabend in der Evangelischen Kirche Stein Orgelimprovisationen über Themen der Kantate «Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit».

Bettina Kugler
Drucken
Teilen
Bach am Laptop im Wohnzimmer statt als Kantatenkonzert in der Kirche: Rudolf Lutz improvisierte nach einer Werkeinführung in englischer Sprache an der Orgel der Kirche Stein AR über die Kantate BWV 106.

Bach am Laptop im Wohnzimmer statt als Kantatenkonzert in der Kirche: Rudolf Lutz improvisierte nach einer Werkeinführung in englischer Sprache an der Orgel der Kirche Stein AR über die Kantate BWV 106.

Benjamin Manser

Nach viel Bekümmernis klingt es nicht, als Rudolf Lutz am Donnerstag, einen Tag vor dem verschobenen Konzert der Bach-Stiftung in Speicher, am Telefon erzählt, wie sich die Aufführungsbedingungen zuletzt in immer kürzeren Abständen verändert haben. Kaum ist der Organist und künstlerische Leiter des Kantatenzyklus' im Gespräch beim Thema Bach angekommen und ganz in seinem Element, hört man ihn Themen und Motive der Kantate singen, entlang der «Perlenschnur biblischer Zitate», die Bach als Zweiundzwanzigjähriger so dicht und meisterhaft in Musik gesetzt hat.

«Actus Tragicus» wird das Werk genannt; es ist eine Trauerkantate des jungen Johann Sebastian Bach, und sie beginnt mit den Worten «Gottes Zeit ist die allerbeste Zeit» - das unter den Vorzeichen der Pandemie zu sagen, erfordert Demut und gläubige Zuversicht. «Ich werde versuchen, morgen Abend das Wort ‹Corona› zu umgehen», sagt Lutz am Telefon. «Das ist auch gar nicht nötig. Die Folie ist stark genug.»

Mit dem Tod war Bach von Du zu Du

Vielleicht ist es tatsächlich die allerbeste Zeit für diese Musik und die ihr zugrunde liegenden theologischen Aussagen. Bach sei mit dem Tod von Du zu Du gewesen, sagt Lutz, bereits in jungen Jahren. Das höre man, wenn es in seinen Kantaten um Todesangst und Todesnähe gehe - und um das Heil, auf das er vertrauen konnte. Es stärkt auch jene, die sich in seine Musik vertiefen. «Mit Bach ist man immer besser dran als ohne», da ist sich Rudolf Lutz sicher.

Zu diesem Zeitpunkt steht fest: Die Kantate BWV 106 kann nicht in der geplanten Besetzung musiziert werden, der Einführungsworkshop, sonst ein launiges Duett zwischen Lutz und dem Zürcher Theologen und Pfarrer Niklaus Peter, wird so nicht stattfinden. Auch nicht in einer leeren Kirche ohne Publikum.

Musizieren auf Distanz ist schwierig

Das war zunächst die Trostoption gewesen: Die Aufführung hinter geschlossenen Türen aufzunehmen und als Livestream auf der Online-Plattform «Bachipedia» ins Netz zu stellen. Ein Teil der Instrumentalisten und der Gesangssolisten durfte jedoch nicht einreisen; Musizieren auf Distanz wäre mit so vielen Ausführenden kaum möglich, zumindest gewöhnungsbedürftig gewesen.

Gespenstisch leer: die festlich beleuchtete Kirche in Stein.

Gespenstisch leer: die festlich beleuchtete Kirche in Stein.


Benjamin Manser

Der bundesrätliche Aufruf «Bleiben Sie zu Hause» gilt auch für Musiker und für das treue Publikum der Bachkantaten, das teils von weither anreist. Viele gehören zur Risikogruppe der Älteren, zudem sind die Konzerte in der Regel ausverkauft: Da sitzt man nahe beisammen. Nach den verschärften Regeln für Zusammenkünfte und dem Verbot von Veranstaltungen war das ohnehin gegenstandslos.

Die Kunst der Stunde: Improvisation

Nun aber zeigt sich, dass Rudolf Lutz der Mann der Stunde ist. Nicht umsonst hat er den allerbesten Ruf als Meister der Improvisationskunst, ob an der Orgel, am Cembalo oder dem «lieben alten Freund Roland», seinem Keyboard, auf dem er während der Einführungen spielt und sich zu Hause intensiv vorbereitet. Beweglichkeit und Offenheit für die Eingebungen des Augenblicks sind sein Talent - genau das war bis zuletzt gefragt.

Auch Kleine können mithören und schauen: Rudolf Lutz bei der Werkeinführung am Keyboard.

Auch Kleine können mithören und schauen: Rudolf Lutz bei der Werkeinführung am Keyboard.

Benjamin Manser

So trauerte er denn auch dem «Actus Tragicus» in Originalbesetzung und in gewohnter Trogner Aufführungspraxis nicht lange nach, sondern stellte sich spontan ein auf ein Solo an der Kuhn-Orgel in Stein AR, als Ersatz-Livestream. Punkt 18.45 Uhr ging es los, auf das Standbild der Kirche Stein, wie eine feste Burg auf frühlingsgrünem Hügel, folgte die Übertragung aus der fast menschenleeren Kirche. Darin nur Rudolf Lutz und Xoan Castineira, Geschäftsführer der J.S. Bach-Stiftung, für die Ansage auf Englisch, Deutsch und Spanisch, sowie das technische Team.

Die Vereinzelung des Publikums

Ein wenig gespenstisch und beklemmend wirkte das, durchaus: Als habe das Virus schon den Rest der Bach-Gemeinde dahingerafft. Mag man auch wissen, dass rund um den Globus Menschen jetzt im Moment oder zeitversetzt das Streaming mitverfolgen - man sieht und spürt sie nicht, allein zu Hause am Laptop. Da ist nur Lutz, am Mikrofon, am Spieltisch, beim Wechseln der Registerzüge. Und, allgegenwärtig: Bach, in einer Folge von neun Improvisationssätzen zu Themen aus dem «Actus Tragicus».

Intensiver klingen sie, verbindend, eloquent und inspiriert, als inniges Gespräch mit Bach und allen, die zu diesem Zeitpunkt gern in seinem Namen hörend und musizierend versammelt wären, wenn man sich auf den Ton beschränkt - also den Laptop zuklappt. Es hilft, die Leere in der Kirche auszublenden. Und die Vereinzelung des Publikums, online, draussen vor der Tür.

Mehr zum Thema