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Mit ausgeworfenem Fischernetz

Auf ihrem fünften Album legt Lady Gaga auch einen Halt beim Country ein. Obschon die US-Amerikanerin davon nichts wissen will, hält sie Distanz zum Glamour früherer Tage.
Michael Gasser
Lady Gaga legt einen Halt beim Country ein. (Bild: James Devaney/GC Images)

Lady Gaga legt einen Halt beim Country ein. (Bild: James Devaney/GC Images)

Lady Gaga hat keine Lust mehr auf Flamboyantes: Das grelle Make-up und die extravaganten Kostüme sind verschwunden, die schrillen Auftritte passé. Und auch mit grossspurigen künstlerischen Statements ist aktuell Schluss. Statt zu provozieren und Kleider aus rohem Rindfleisch zur Schau zu tragen, widmet sich die Musikerin lieber der Normalität.

Sie drohte eine Parodie ihrer selbst zu werden

Ganz überraschend kommt dieser Wandel nicht. Ihr letztes Soloalbum, «Artpop» (2013), verkaufte sich bestenfalls schleppend und bewies vor allem eins: Stefani Germanotta alias Lady Gaga hatte ihr Art-Pop-Konzept derart überdreht, dass sie eine Parodie ihrer selbst zu werden drohte. Also zog die Künstlerin die Notbremse. Und tat sich 2014 mit dem Grandseigneur der Crooner, Tony Bennett, zusammen. Um Standards wie «Cheek To Cheek» oder «Anything Goes» zu singen.

Das fand Anklang, hatte Swing und war frei von Risiko. Und nicht zuletzt gab dieses Projekt der New Yorkerin genügend Zeit, sich Gedanken über den weiteren Verlauf ihrer Karriere zu machen. Nun liegt das Resultat dieser Bemühungen vor – in Form ihrer fünften Platte.

Auf dem Cover von «Joanna» zeigt sich Lady Gaga mit einem rosa Hut, der weder bieder noch glamourös wirkt. Die Aussage dahinter? Ich bin zwar ein Star, aber einer zum Anfassen. Eine Haltung, die sich nicht nur in den mittlerweile erstaunlich konventionellen Fotos ihres Instagram-Accounts, sondern auch in ihren neuen Liedern widerspiegelt. Die 30-Jährige, die sich in Teenagertagen als Aussenseiterin fühlte, hat ihren Sound entrümpelt und reduziert.

Statt Pomp und Glam gibt es Ausflüge in Richtung Country, Disco oder Rock. Während sich das Titelstück als Ballade mit akustischer Gitarre, gepflegten Streichern und leicht leidendem Gesang entpuppt, verkörpert der Opener «Diamond Heart» röhrenden Rock für den Highway, den man eher von der Fleetwood-Mac-Sängerin Stevie Nicks als von Lady Gaga erwartet hätte.

Mit «Come To Mama» wechselt der Star das Genre erneut, wendet sich dem Motown-Soul zu und lässt sich von Bläsern und gospelinfizierten Harmonien tragen. Das Werk mag sich stilistisch partout nicht festlegen. Sogar bei den zahlreichen Kollaborationen schwimmt Lady Gaga ausdauernd gegen den Strom: Zusammen mit Josh Homme, Gitarrist der Alternative-Rocker Queens of the Stone Age, schwelgt sie nicht etwa in harten Klängen, sondern in Disco-Gefühlen. Und «Hey Girl», ihr Duett mit Florence Welch, setzt lieber auf geschmeidigen R'n'B als auf ein Duell zweier Powerstimmen – was naheliegender gewesen wäre.

Vieles wird ausprobiert, vieles wieder verworfen

Das Set kommt der Suche nach einer neuen Soundheimat gleich. Vieles wird ausprobiert, vieles rasch wieder verworfen – wie der Versuch, auf «A-YO» den Elektro-Pop-Spielereien einer Britney Spears zu folgen. Trotz ungestümen Bläsersätzen und aufmunterndem Geklatsche mutet dieser Effort halbherzig an.

Obschon «Joanne» – die CD ist nach einer früh verstorbenen Tante von Stefani Germanotta benannt – auf einen klaren Fokus verzichtet, ist das Ergebnis keineswegs ohne Charme. Weil Nummern wie «Sinner's Prayer», das Country-Pop mit Spaghetti-Western-Anleihen vermischt, und insbesondere die atemlose Pianoballade «Million Reasons» erstaunlich unverblümt anmuten. Ihr Vibrato-Gesang, obgleich nicht sonderlich nuanciert, beeindruckt dank Druck und Prägnanz mehr denn je. Wo sich Lady Gaga früher darum bemühte, einen musikalischen Drahtseilakt an den nächsten zu reihen und sich so kapriziös wie nur möglich zu geben, präsentiert sie sich jetzt geerdet.

Sie betont, sie sei sich treu geblieben

Ob das ihre Fans – von ihr als «Little Monsters» bezeichnet – zu schätzen wissen? Fakt ist, dass Lady Gaga nicht die Erste ist, die sich eine Auszeit von ihrer Markenzeichen-Musik gönnt. Mit ihrem 2000er-Album «Music» hat sich einst auch Madonna folkigeren Klangwelten zugewandt. Eine Episode – nicht weniger und nicht mehr.

In Interviews weist Lady Gaga von sich, dass «Joanne» einer Imagekorrektur gleichkomme. Sie habe nicht versucht, sich neu zu erfinden, sondern sei sich selbst treu geblieben, betont sie. Dennoch wirkt ihr neues Material wie ein ausgeworfenes Fischernetz: voller Hoffnung, dass etwas hängen bleibt.

Offen ist, wohin die Reise geht

Zu prophezeien, das nächste Werk von Lady Gaga werde wieder einen anderen Musikkurs einschlagen, ist so klar wie Klossbrühe. Wohin ihre Reise jedoch gehen wird, ist derzeit offen. So gut wie sicher hingegen ist, dass «Joanne» nicht viel mehr als eine aufschlussreiche Fussnote in der Karriere von Lady Gaga darstellt.

Lady Gaga: «Joanne» (Universal)

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