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Tanz in der St. Galler Lokremise:
Mit allen Wassern gewaschen

Die Tanzkompanie des Theaters St.Gallen öffnet mit "Rain", Kinsun Chans erster choreografischer Arbeit als neuer Tanzchef, traumleicht und bildstark Assoziationsräume.
Bettina Kugler
Ein Kippmoment in "Rain": Die lachende Menge wird zum Mob, treibt ihr Opfer in die Enge. Bild: Gregory Batardon/Theater St . Gallen

Ein Kippmoment in "Rain": Die lachende Menge wird zum Mob, treibt ihr Opfer in die Enge. Bild: Gregory Batardon/Theater St . Gallen

Nirgends und überall ist das Gedicht, das Kinsun Chan zu seinem ersten Stück für die neu formierte Tanzkompanie des Theaters St.Gallen in der Lokremise inspiriert hat: Henry Wadsworth Longfellows «The rainy day». Wer will, kann den Text vorab oder am Ende auf dem Plakat zu «Rain» lesen, grafisch strömend und tröpfelnd umgesetzt, als schaue man auf eine regennasse Fensterscheibe. Drei Strophen mit einem jeweils leicht variierten Refrain: ein sanftes Wortgeplätscher, das niemand rezitieren muss an diesem Abend. In jedem Leben gibt es Regentage, so singt und sagt es; hinter den Wolken scheint die Sonne weiter – im Grunde eine Binsenweisheit; die Lyrik macht sie schön, die Erfahrung wahr.

Der Regen zeichnet weich, gibt Energie und Tempo vor

«Rain» aber setzt die schlichte, zutiefst menschliche Erkenntnis bildstark und sinnlich um. Es schwebt dabei zwischen Trägheit, Traum und sich aufbäumender Vitalität, zwischen verspielter Leichtigkeit und ins Bedrohliche kippender Wucht. Kaleidoskopartig zeigt das Stück, welche Gefühle mit dem Auf und Ab des Lebens verbunden sind; nicht in einer stringenten «Handlung», die man sich deutend erschliessen müsste, und keineswegs plakativ.

Stattdessen setzt «Rain» unversehens Assoziationen in Gang und öffnet Erinnerungsräume: so viele mögliche, wie Zuschauer auf der Tribüne sitzen. Grundlage der Choreografie sind denn auch persönliche Erinnerungen und Symbole für Hoch- und Tiefpunkte des Lebens, welche die Tänzer gesammelt, mit Kinsun Chan geteilt und weiterentwickelt haben.

Rund 75 Minuten lang spürt man den Regen ist allen Spielarten und Stärkegraden förmlich auf der Haut. So wie die Tänzer, acht Frauen und acht Männer im mal sonnenmilden, mal unbarmherzig kalten Bühnenlicht, das nervös zuckt und zittert oder sanft wie Mondschein fällt, dann wieder Suchscheinwerfer einsetzt, die Gruppe fragmentiert in Einzelne (Lichtdesign: Rolf Irmer). Der Regen ist in den Nebelschwaden, die den noch leeren Raum weichzeichnen. Er rieselt auf der Bühne nieder, er tropft und trommelt, rauscht und rinnt in den Sounds von Daniel Steffen und Hans-Peter Pfammatter, so intensiv, dass man sich wundert, nicht bald schon selbst gänzlich durchnässt zu sein. Doch er schafft nicht nur Atmosphäre. Er gibt vor allem Tempo und Energiedosierung der Bewegungsabläufe vor.

Das Kreiseln der Metallquadrate

Einziges Ausstattungselement im Raum sind, neben 16 Zinkeimern, in welche Wasser tröpfelt, sechs Metallkuben in unterschiedlichen Grössen. Der kleinste in Käfigformat, der grösste so luftig, dass die gesamte Kompanie darin bequem Platz findet. Zu Beginn lehnen sie schräg an der Rückwand. Immer wieder werden sie später gemeinsam bewegt, ineinander geschoben, gedreht, erklommen. Auch ohne durchgehende Geschichte ist das ein sinnhafter Prozess, ein Bild für gesellschaftliche Zwänge und die Freiheit, auszubrechen: als einzelner, als Paar, als kleine Gruppe.

Oder der Rahmen wird gänzlich aufgesprengt, die Kompanie zur Skulptur, die sich träge wie ein grosses Tier im Raum vorwärts schleppt. Insgesamt ist «Rain» ein eher ruhiges Stück; dennoch gibt es auch Szenen von atemberaubender und überaus ästhetischer Beweglichkeit. Doch immer nur als Episoden einer Achterbahnfahrt der Gefühle – so sieht Chan selbst das Stück. Tatsächlich hört man ferne Echos eines Jahrmarkts. Die 16 (nassen) Schuhpaare, die anfangs vor der Tribüne abgestellt werden, erinnern an ein früheres Début: das von Chans Vorgängerin Beate Vollack, «X=Hase». Der neue Tanzchef war damals der Ausstatter; die Zuschauer hatten die Schuhe am Eingang abzugeben. Um einzutauchen in die Kunst, das Leben auf sich herabregnen zu lassen.

Nächste Vorstellungen: 20.10., 17 Uhr, 24./30.10., 2./5.11., 20 Uhr, Lokremise St.Gallen.

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