Kunst
Mit 95 bekommt Kunst-Pionierin Teruko Yokoi endlich eine Plattform

Sie lebt seit 50 Jahren in Bern. Nun holt das Kunstmuseum Bern endlich das mutige Frühwerk von Teruko Yokoi ans Tageslicht. Spannendes aus Tokio, New York und Paris.

Sabine Altorfer
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Teruko Yokoi umgeben von ihren Werken im Chelsea Hotel, New York, 1959.

Teruko Yokoi umgeben von ihren Werken im Chelsea Hotel, New York, 1959.

© the artist

Ein wandgrosses Foto zieht den Blick auf sich. Eine junge Frau sitzt vor Leinwänden, auf dem Boden einige Blätter. Kraftvoll die Farben der Gemälde, heftig der Pinselstrich, auffallend die geometrischen Elemente. So elektrisierend wie das Werk ist die Legende des Fotos: «Teruko Yokoi umgeben von ihren Werken im Chelsea Hotel, New York, 1959». Da klingeln doch alle Alarmglocken der Kunst- und Musikgeschichte, war das Chelsea Hotel doch der legendäre Hotspot in den 50ern und 60ern, wo Leute wie Andy Warhol, Janis Joplin, Arthur Miller oder Patti Smith wohnten – und den Leonard Cohen besang.

In der Liste der berühmten Bewohner ist Teruko Yokoi nicht aufgeführt, wohnte die gebürtige Japanerin doch als Ehefrau von Sam Francis dort. Sie malte, sie stellte aus, aber bekannt wurde er. Sie war Ausländerin (1924 in Japan geboren), kam 1954 nach San Francisco, wurde 1955 in New York Schülerin von Hans Hofmann und lernte dort Sam Francis kennen. Mit ihm und der kleinen Tochter zog sie 1960 nach Paris und nach der Trennung, 1962, nach Bern.

Im Schatten des berühmten Partners

Eine Anekdote mag die Hürden der Künstlerin illustrieren: Als Arnold Rüdlinger, Leiter der Kunsthalle Basel, Sam Francis in Paris besuchte, entdeckte er die Bilder von Yokoi. Er staunte, weil Francis nie gesagt hatte, dass seine Frau malte. Er war so begeistert, dass er Teruko Yokoi 1964 in der Kunsthalle ausstellte. Damit war das Interesse der Kunsthäuser in der Schweiz aber auch schon fast erledigt. In der Galerie Kornfeld in Bern fand Teruko Yokoi später einen Förderer und auch Sammler, die aber das späte, das weichere und dekorative Schaffen liebten.

Teruko Yokoi ist 95, lebt in einem Berner Altersheim und hat das Malen vor wenigen Jahren aufgegeben. Und nun erhält sie also endlich eine Einzelausstellung im Kunstmuseum Bern. Das Berner Spätwerk lässt Kuratorin Marta Dziewańska aber bewusst weg. Sie fokussiert auf die Zeit von 1950–1970, «auf die Phase höchster Kreativität», wie sie es nennt. Hier zeige sich die künstlerische Einzigartigkeit und die kunsthistorische Relevanz von Yokois Werk.

Teruko Yokoi, Vor meinem hinteren Fenster, 1956, New York

Teruko Yokoi, Vor meinem hinteren Fenster, 1956, New York

© the artist

Teruko Yokoi brach in New York im Sog des ausbrechenden abstrakten Expressionismus mit der klassischen Malerei. Vielfach aufgebrochene Räume und Figuren entstanden: Ein Interieur aus Kuben, grau in grau, und bunte, dreidimensional wirkende Konstruktionen zeigen 1955 eine experimentierfreudige Malerin auf der Höhe der Zeit. Innert nur eines Jahres entwickelte sie dann ihre unverkennbare, eigene Handschrift: Sie stellte der überbordenden freien Abstraktion eine strenge Rautenform gegenüber, für sie ein Symbol für die Samurai.

Teruko Yokoi, Tiefer Herbst, 1957

Teruko Yokoi, Tiefer Herbst, 1957

© the artist

Eigene Symbiose aus West und Ost

Doch nicht nur die japanischen Krieger finden in abstrakter Form Eingang in ihre Bilder, sondern auch die flächigen Kompositionsprinzipien der japanischen Landschaftsmalerei. Dass die Tochter eines Kalligrafen Formen verwendet, die an Schriftzeichen erinnern, oder dass sie für Zeichnungen zum Tuschepinsel greift, erstaunt nicht. Mit dieser Symbiose von östlicher Tradition und neuer westlicher Malerei fand sie einen so verblüffenden wie eigenwilligen Weg.

Teruko Yokoi, Ohne Titel, 1958.

Teruko Yokoi, Ohne Titel, 1958.

CH Media

Mit geballter Kraft springt uns ein gelbgrundiges Werk ins Auge, dessen Strahlkraft mit dem Blau der aufgemalten Rautenform verdoppelt wird und das den Bildraum sprengt. Melancholie bringt Yokoi mit rotbraunen Herbstfarben oder silbrig überlagerten Landschaftselementen zum Klingen. In ihrer Pariser Zeit knallt sie uns Rot und Grün und Weiss entgegen – die grossen Gesten und Tropfen in Flächen aufgefangen. Das vibriert und bebt. Warum Teruko Yokoi danach in Bern gemächlicher gemalt habe, wisse sie nicht, sagt Kuratorin Marta Dziewańska.

Teruko Yokoi. Tokyo – New York – Paris – Bern.
Kunstmuseum Bern, bis 10. Mai 2020.