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Missionarin des Gesangs verstummt

Die spanische Sopranistin Montserrat Caballé ist tot. Sie starb gestern im Alter von 85 Jahren in einem Spital in Barcelona. Die Sängerin hinterlässt ein reiches diskografisches Erbe.
Stefan Degen

Sie brauchte den Gesang wie die Luft zum Atmen. «Gesang ist meine Mission», pflegte Montserrat Caballé zu sagen. Jetzt ist ihre Stimme für immer verstummt. Die spanische Opernsängerin starb gestern Morgen im Alter von 85 Jahren im Spital «Sant Pau» in ihrer Heimatstadt Barcelona. Die Katalanin galt als letzte grosse Operndiva.

Ihr unvergleichliche Karriere führte sie in alle grossen Opernhäuser der Welt und auf die Konzertbühnen rund um den Globus. Insgesamt hat die Sopranistin in über 60 Jahren mehr als 4000 Auftritte absolviert. Sie beherrschte über 80 Bühnenrollen.

Ihren Anfang nahm die Karriere der mit ihren armen Eltern aus Spanien emigrierten Sängerin mit 23 Jahren 1956 in Basel, wo sie als «Allround-Sopran» im Theater engagiert wurde. Sie debütierte als Mimi in Puccinis «La Bo­hème». Den internationalen Durchbruch schaffte sie 1965 als Einspringerin für Marilyn Horne in Donizettis «Lucrezia Borgia» in der New Yorker Carnegie Hall. Im selben Jahr debütierte Caballé an der Metropolitan-Oper als Margarethe in Gounods «Faust». Danach begann ihre kometenhafte Karriere. Auf der Opernbühne waren die Sechziger- bis Achtzigerjahre ihre fruchtbarste Zeit, wo sie stimmlich aus dem Vollen schöpfen konnte.

Keinerlei Berührungsängste

Dass sie einem breiten Publikum ein Begriff wurde, verdankt sie einem Projekt mit Freddy Mercury, der ein grosser Bewunderer der Caballé war. 1987 nahm sie mit dem Queen-Frontmann den Song «Barcelona» auf, der dann 1992 zur Hymne der Olympischen Spiele von Barcelona wurde. Die Caballé kannte keinerlei Berührungsängste. Sie trat oft in Samstagabend-Shows im Fernsehen auf und realisierte verschiedene Crossover-Projekte. Auch in der Schweiz sang die Sopranistin, die mit vollem Namen Maria de Montserrat Bibiana Concepción Caballé i Folch hiess, immer wieder. So im Opernhaus Zürich, in den Tonhallen von Zürich und St. Gallen, im KKL Luzern (zuletzt 2013) sowie 1987 in einem umjubelten Galakonzert im Theater Basel.

Studiert hatte die Caballé, die am 12. April 1933 in Barcelona zur Welt kam (mit der Nabelschnur um den Hals, wie sie in ihrer Biografie schreibt!), in Barcelona und Mailand. Später entdeckte sie den Tenor José Carreras, den sie jahrelang gezielt förderte.

Das sängerische Repertoire der Caballé war immens: Es reichte von Barockpartien über Mozart, Donizetti, Bellini, Rossini, Verdi, Puccini bis zu Richard Strauss und zeitgenössischen spanischen Komponisten. Bedingt durch ihre etwas füllige Erscheinung wirkte sie auf der Opernbühne mitunter statisch, machte dies aber durch ihre unvergleichliche Gesangskunst mehr als wett.

Die lyrische Stimme der Caballé strömte stets weich und rund, sie beherrschte alle Finessen der Interpretation: schönes Legato, perlende Koloraturen, perfekte Triller und schwebende Pianissimi. Von dieser Kunst zeugen zum Glück zahlreiche Studio-und Live-Aufnahmen der Sängerin. Viele gelten als Referenz­aufnahmen und werden noch Generationen von Sängern und Musikliebhabern begeistern.

Karriere nie offiziell beendet

Montserrat Caballé war als Mensch überaus bescheiden und herzlich. Sie zeigte nie irgendwelche Starallüren. Sie verstand sich stets als Dienerin an der Kunst. Auch ihr Privatleben machte keine Schlagzeilen. Seit 1964 war sie mit dem spanischen Tenor Bernabé Martí verheiratet, der ihr zuliebe seine eigene Karriere aufgab. Mit ihrer Tochter Montserrat Martí, genannt Montsita, trat die Caballé (familiärer Kosename: Montse) vor allem in den späten Jahren ihrer Sängerlaufbahn gerne gemeinsam in Konzerten auf. In den letzten Jahren füllte die Caballé noch immer grosse Konzertsäle. Sie hat ihre Karriere nie offiziell beendet, bloss von der Opernbühne zog sie sich zurück. Bedingt durch mehrere Stürze und Verletzungen ging sie öfters an Krücken und war zuletzt meist auf einen Rollstuhl angewiesen. So hat sie noch am 14. April in Kiew ein Konzert gegeben, gemeinsam mit ihrer Tochter.

Montserrat Caballé hatte seit Jahren gesundheitliche Probleme. Seit zwei Wochen lag die Sängerin wegen eines Blasenpro­blems im Spital «Sant Pau» in Barcelona. Dort starb sie am Samstag 6. Oktober. Wir sagen: «Gracias por todo, señora!»

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