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Rapper Manillio findet, «mir risset üs z’wenig am Rieme»

Nach dem Überflieger-Album «Kryptonit» legt der Solothurner Manillio nun «Plus Minus» vor. Auch dabei gibt er den grüblerischen Denker – eine Rolle, die ihm gut steht.
Michael Graber
Der Solothurner Rapper Manillio. (Bild: Boris Bürgisser (Zürich, 20. November 2018))

Der Solothurner Rapper Manillio. (Bild: Boris Bürgisser (Zürich, 20. November 2018))

Der Übergang von der Nacht zum Tag ist ein magischer Moment. Kurz bevor die Sonne aufgeht, ist es am dunkelsten, die Vögel sind still, selbst in hektischen Städten ist dies ein Moment der Ruhe. Mit zwanzig Jahren erlebt man diesen Übergang nach dem Ausgang. Etwas berauscht und meist sehr glücklich. Bleiben, bis es hell wird, ist eine Partymaxime. Bei «Bises Hell Wird» von Manillio könnte man dem Titel nach vermuten, dass es eben jenes hedonistische Lebensgefühl feiert, dieses Masslose, Exzessive. Aber Manillio tut das nicht. Dieser Moment des Hellwerdens ist bei Manuel Liniger das Licht am Ende des Tunnels, das Aufrappeln nach der Krise. Manillio ist auch nicht mehr zwanzig, sondern mittlerweile in den Dreissigern angekommen. Da geht man früher ins Bett, und selbst die Masslosigkeit geniesst man dann ­etwas massvoller. Oder wie er ­selber rappt: «Früecher irgendwelche Rum dinn gha, hüt rede mer vom Rumklima» – das Leben wird irgendwie ernster.

Das Album klingt wie ein Herbsttag unter Nebeldecke

Das ist bei Manillio aber auch nicht sonderlich überraschend. Immer hat in seinem Rap eine ­gewisse Melancholie durch­gedrückt, die Themen waren schwerer als anderswo. «Eigentlich dachte ich immer, man merke mir nicht an, dass ich älter geworden bin», sagt Manillio, «aber ehrlich: Natürlich ändert vieles. Meine Sicht auf die Welt ist nicht mehr dieselbe wie mit zwanzig.» Der Solothurner sitzt in einem Zürcher Café, sein neues Album heisst «Plus Minus». Er habe lange herumgehirnt, wie sein Album heissen könnte. Es sei ein Auf- und Ab gewesen bei der Produktion. «Rodeo» sei darum eine Option gewesen, oder «Achterbahn». «Zwischen den beiden Polen Plus und Minus ist die Energie, das hat mir gefallen», sagt Manillio.

Der Titel passt. Sein neues Album ist zwar sein leichtfüssigstes, aber es gibt bei Manillio kein Plus ohne Minus. Es klingt immer ein bisschen wie ein Herbsttag unter der Nebeldecke. Oben kämpft die Sonne, mal kommt sie durch, mal wird sie verschluckt. «Ich kann weniger gut schreiben, wenn alles super ist», sagt Manillio. Er habe schon immer einen Hang zur Melancholie gehabt, und den höre man. Er wolle sich auch nicht für irgendwas verstellen. Man schätze das Positive deutlich mehr, wenn man auch das Negative kenne. Manillio bleibt Manillio. Auch nach seinem Album «Kryptonit» das direkt auf Platz 1 in der Hitparade ging, und Auftritten an fast allen grossen Open Airs. Manchmal, so sagt Manillio, habe ihn das alles ein bisschen genervt, als er in seinem Wohnort Bern kaum mehr einkaufen konnte, ohne dass er sich überlegte: «Schaut man mich jetzt gerade an? Reden die über mich oder ­bilde ich mir das ein?»

Der Erfolg erlaubt ihm, voll auf Musik zu setzen

Liniger ist nicht der Typ, der abseits der Bühne gerne im Mittelpunkt steht – das verarbeitet er im Song «Psst». Er ist mehr der Beobachter, der etwas nebendran steht. Einer mit einem guten Sensorium für Stimmungen. Und ein ehrgeiziger Schaffer: «Ich bin wahnsinnig selbstkritisch.» Der normale Schreibprozess sei zwei Zeilen schreiben, dann zwei Stunden denken, wie schlecht sie seien, und dann das Gleiche von vorne. Das sei auch das angesprochene Auf und Ab im Albumprozess gewesen – zusammen mit drei Produzenten. Sie tüftelten an Beats, schraubten Klänge einen Halbton höher und bauten noch einen Übergang rein. Das merkt man an der Soundästhetik der Platte. Insgesamt ist sie aber sehr heterogen geworden. Mal klopft ein fast schon fröhlicher Trap-Beat, am Schluss wabert eine dicht-deprimierende Soundlandschaft langsam aus. «Ich kann musikalisch meinem Bauchgefühl folgen. Der rote Faden ist mein Rap, meine Stimme», sagt Manillio. Was er nicht wolle, sind «08/15-Rapsongs», entsprechend mischt er allerlei Einflüsse ein, durchaus auch poppige Sachen, aber ohne den Rapcharakter zu verlieren.

Dass er selbst sein grösster Kritiker ist, hat den Vorteil, dass er von aussen keinen Druck verspürt hat. «Es gibt keine Garantie, dass es immer nach oben geht», so Manillio, «aber bei diesem Album habe ich vor einem Absturz keine Angst – dafür ist es schlicht zu gut.» Er lacht dazu, meint es aber ziemlich sicher ziemlich ernst. Er wünsche sich schon, dass es noch eine Stufe weitergehe, sagt er, Hauptbühnen an Open Airs zu guten Zeiten. Weil: «Erfolg fägt. Das kann man nicht einfach wegreden.» Der Erfolg erlaubt es Manillio auch komplett auf die Karte Musik zu setzen. «Ich würde es aber überhaupt nicht als Niederlage auffassen, wenn das sich einmal ändert», sagt er. Diese Gelassenheit, die man in jeder seiner Zeilen hört, spürt man auch im Gespräch. Manillio sucht den Erfolg nicht verbissen, er macht es dem Erfolg so einfach wie möglich, dass dieser ihn findet.

Vielleicht auch darum ist «Plus Minus» nicht einfach ein weiteres «Kryptonit» geworden, sondern das Zeugnis einer Weiterentwicklung. Eine ziemlich clevere Platte, die den Lebensnerv vieler seiner Generationsgenossen trifft. Es geht um ständige Verfügbarkeit, Inhaltsleere und immer etwas ums Hadern mit sich und der Welt. «Mir wei nur e gueti Zit ha und chli meh sii aus niemer / D’Wäut risst fescht a üs aune, mir üs z’wenig am Rieme», rappt Manillio im unheimlich guten «24/7». Dazu stampft ein knackiger Beat. Dazu kann man auch prima tanzen. Bis es hell wird. Mindestens.

Manillio: Plus Minus (Universal) erscheint am 30. November

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