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MINIMAL ART: Das geheime Leben der Sättel

Was haben Design, Alltag und Kunst miteinander zu tun? Magali Reus untersucht diese Frage im Kunstmuseum St. Gallen, indem sie Leder und Textilien zu seltsamen Skulpturen schichtet.
Christina Genova
Skulpturen wie Sättel: Die bei «Understudy» verwendeten Materialien lehnen sich an die Welt der Logistik an. (Bild: Urs Bucher)

Skulpturen wie Sättel: Die bei «Understudy» verwendeten Materialien lehnen sich an die Welt der Logistik an. (Bild: Urs Bucher)

Christina Genova

christina.genova@tagblatt.ch

Die Sättel eines exzentrischen Reitstallbesitzers – denkt man. Doch bei näherer Betrachtung sind die seltsamen Objekte, die auf Stahlrohrstangen aufgebockt scheinbar geduldig auf Pferd und Reiter warten, völlig ungeeignet für einen Ausritt. Man fühlt sich ertappt beim Wunsch, diesen Skulpturen einen Namen zu geben, sie einem Gegenstand der bekannten Dingwelt zuordnen zu wollen. Magali Reus hat uns kalt erwischt. Genau diesen Effekt will die in London lebende Niederländerin erzielen: Dass die Erleichterung darüber, etwas scheinbar Vertrautes entdeckt zu haben, in Irritation und Befremden übergeht.

Leder geheftet, geprägt, perforiert

Magali Reus, die im Kunstmuseum St. Gallen ihre erste Soloausstellung in einem Schweizer Museum hat, setzt dieses Spiel in den einzelnen Bestandteilen des sechsteiligen Skulpturenarrangements fort. Auf einen Unterbau aus Fiberglas und Kunstharz, der als eine Art Sockel funktioniert, hat die 36-Jährige Lagen von Textilien, Leder und Geweben drapiert. Es sind Materialien aus unserem Alltag, die wir anfassen, berühren, tragen, anziehen – ohne darüber nachzudenken. Indem Magali Reus sie in einen Kunstkontext überführt, befreit sie diese von ihren nützlichen oder funktionalen Eigenschaften. So lassen sich Materialien, Formen und Design analysieren, mit anderen Augen sehen oder gar zum ersten Mal bewusst wahrnehmen.

Die zahlreichen Elemente der «Sättel» sind aufwendig in verschiedenen Techniken verarbeitet, nichts wurde dem Zufall überlassen, alles ist von einer obsessiven Perfektion: Für «Harlequin Darts» wurde Leder geheftet, geprägt, lasergraviert, siebgedruckt, perforiert und eingefärbt. Zusätzlich hat die Künstlerin Velours, Sackleinen, Gummi, Kunstleder, Seil und Polyestergurt verwendet. Industriell gefertigte Materialien treffen auf Handarbeit, Kunstleder auf Echtleder. Gemeinsam ist allen Bestandteilen, dass sie nicht vorgefunden, sondern speziell für die betreffende Skulptur hergestellt wurden. Auch wenn da ein Element an den Tragriemen einer edlen Handtasche erinnert oder man dort ein Spannseil zu erkennen glaubt, ist das Teil von Magali Reus’ Verwirrspiel. Die einzelnen Teile der Skulptur sind Versatzstücke aus der Welt des Reisens und Unterwegsseins: Besonders deutlich wird dies bei «Pecan Sleepers»: Man findet Kofferanhänger oder Netztaschen, wie sie in Flugzeugen an den Sessellehnen angebracht sind, Riemen, Gurten und Schlaufen, die von Koffern oder Reisetaschen stammen könnten. Auch Ohrstöpsel dürfen nicht fehlen, doch sind sie statt aus weichem Schaumstoff aus Metall. «Arbroath Smokie» hingegen ist inspiriert von Utensilien, die man zum Campieren braucht: Gesteppte Elemente scheinen von Schlafsäcken zu stammen; auch Reissverschlüsse, Heringe und Zeltstangen sind zu entdecken.

Blick unter den Bürotisch

So sehr man die aufwendige Machart und die perfekte Verarbeitung dieser in der Tradition der Minimal Art stehenden Skulpturen bewundert, so wenig berühren sie. Man prallt an den glatten Oberflächen dieser unbeseelt wirkenden Objekte ab. Ein nächtliches Eigenleben, worauf der Titel «Night Plants» anspielt, traut man ihnen definitiv nicht zu. Am Ende sind Magali Reus’ Skulpturen kaum mehr als eine aufwendige und etwas befremdliche Spielerei.

Ergänzt werden sie durch drei Wandarbeiten, welche sich mit der Bürowelt beschäftigen. Magali Reus erlaubt einen Blick unter die Schreibtische. In den Elementen aus weissem Sperrholz finden sich Überreste vom Lunch wie Dosendeckel, Maiskolben oder Korkzapfen. Diese vereinen sich mit Wochenkalendern oder Papierperforationen. Wiederum sind es keine Objets trouvés, sondern perfekte Imitate der Alltagsgegenstände. Doch wie schon bei den Skulpturen bleibt auch hier der Erkenntnisgewinn bescheiden.

Kunstmuseum St. Gallen, bis 22. Oktober

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