MINIATUREN: Grossartige kleine Welten

Im Haus Appenzell der Ernst-Hohl-Kulturstiftung in Zürich ist die Ausstellung «Grosse Welt ganz klein» gestartet. Die Verkaufslädeli der aus Teufen stammenden Sammlerin und Restauratorin Frieda Wick-Willi stehen «Bonsai-Welten» aus China gegenüber.

Brigitte Schmid-Gugler
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Draussen die immer leicht aufgekratzte Hochglanzhektik der Zürcher Bahnhofstrasse, drinnen eine andächtige Ruhe. Es ist, als zöge man sich in eine wattierte Traumwelt zurück. Sie lässt Nostalgie anklingen, Erinnerungen an Kindertage, an die Unbe­kümmertheit des ernst-heiteren Spiels. Auf Puppenbühnen wird aufgefächert, was man als kleiner Mensch gross dachte und im erwachsenen Menschen eine kleine Melancholie auslöst.

Aus den ersten Fingerübungen des Kaufens und Verkaufens, dem ersten Rascheln von selber eingepackten Lakritzen – wir nannten sie «Bäredräck», dem ersten Klingeln einer Spielgeldkasse, wurde die laute, übermächtige Welt, die wir im Haus Appenzell für die Dauer der Besichtigung vor der Eingangspforte zurücklassen dürfen. In den historischen Räumlichkeiten des früheren Geschäfts für gehobene Inneneinrichtungen gibt es viel zu entdecken. Man tut gut daran, beim Rundgang durch die Ausstellung mit den Videoclips zu beginnen, die im Untergeschoss als Loop gezeigt werden. Die Filmerin und Kuratorin Yu Hao hat zum besseren Verständnis der beiden kunsthandwerklichen Positionen die «Protagonisten» selber sprechen lassen. Im Falle der Sammlerin Frieda Wick-Willi ist es deren Ehemann, der für sie das Wort ergreift: Die Sammlerin starb letztes Jahr völlig unerwartet während der Vorbereitungen zu dieser Ausstellung im Alter von 64 Jahren.

Mit der Leidenschaft auch den Ehemann angesteckt

Niklaus Wick schildert, wie seine Frau vor fünfzehn Jahren mit ihrer Sammlung begann. Nachdem sie auf einer Brocante den ersten ramponierten Verkaufsladen erstanden hatte, vertiefte sie sich in die Geschichte der meist aus Nürnberg stammenden Verkaufsläden. Sie suchte in Antiquariaten nach Büchern, befasste sich mit der Entstehung und Entwicklung des bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückreichenden Kunsthandwerks. Sie forschte nach der Herkunft der unterschiedlichen Fabrikate, recherchierte im Internet, zog physisch immer grössere Kreise, reiste um die halbe Welt und kaufte am liebsten dann, wenn sie Verkaufsläden in einem ruinösen Zustand vorfand.

Dann erst begann ihre eigentliche Arbeit. Sie zerlegte die «Schaubühnen» in ihre Einzelteile und baute sie so wieder auf, dass kein Detail fehlen und keiner der Ausstattungs- und Verkaufsgegenstände historisch aus der Reihe tanzen durfte. Für die «Originalbesetzung» reichte oft weder der eigene Fundus, noch das Durchkämmen von Brockenhäusern und Flohmärkten.

Es musste selber gehobelt, modelliert, Zinn und Gips gegossen, gemalt, genäht, gestrickt und gedrechselt werden. Dafür holte sie sich ihren Ehemann ins Boot. Niklaus Wick eignete sich das Drechslerhandwerk an; er laubsägelte und rekonstruierte anhand von Computerprogrammen historische Tapeten und Bodenbeläge.

Der pensionierte Kantonsschullehrer findet im Film nur bewundernde Worte für die kunsthandwerklichen Talente seiner Frau. Von den 150 zusammengetragenen Stücken konnte das kinderlose Ehepaar Wick-Willi 100 restaurieren; 80 Verkaufsläden aus verschiedenen Epochen können nun im Haus Appenzell besichtigt werden. Mercerie-, Kolonialwaren-, Apotheker-, Blumen-, Devotionalienläden. Konditoreien, Metzgereien.

Pelzige Blütenknospen und Zikadenpanzer

Nicht weniger atemberaubend sind die chinesischen Preziosen, die diesmal die Ausstellung ergänzen und zum ersten Mal in Europa zu sehen sind. Chinakenner Ernst Hohl holte die fragilen Kunstwerke gemeinsam mit seiner aus China stammenden Ehefrau Yu Hao im Herkunftsland. Auch bei den sogenannten «Maohou», auch «Hairy Monkeys» genannt, handelt es sich um ein bis zum Beginn der Kulturrevolution aktiv betriebenes und beliebtes Kunsthandwerk. Detailgetreu nachgestellte Alltagsszenen aus dem Riesenland der Mitte schrumpfen hier auf Zwergenformat. Der haarige Rumpf der Menschlein besteht aus einer Magnolienknospe, Kopf und Gliedmassen – etwas makaber – aus dem getrockneten Panzer der Zikade, in China als Heilmittel in Gebrauch. Die Ausstattung besteht meist aus Abfallprodukten. Der 62-jährige frühere Zauberkünstler und heutige «Maohou»-Hersteller Ren Jinsheng lässt sich im Film über die Schulter blicken. Und man wäre selber gerne wieder einmal ein kleines grosses Kind.

«Grosse Welt ganz klein»

Haus Appenzell, Zürich, bis 28. April 2018; Kinderwettbewerb.