Millionen Klicks und trotzdem kein Rappen: Wie bei Spotify & Co. Musiker um ihr Geld betrogen werden
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Millionen Klicks und trotzdem kein Rappen: Wie bei Spotify & Co. Musiker um ihr Geld betrogen werden

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Die Streaming-Plattformen haben das Musikgeschäft in eine neue Zeitrechnung geführt. Die Geschichte der Pianistin Christiane Mathé zeigt exemplarisch, wie verbriefte Rechte von Musikern ignoriert, vernachlässigt und umgangen werden.

Stefan Künzli
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Nach einer familienbedingten Pause hat die Schweizer Pianistin Christiane Mathé ihre Karriere wieder aufgenommen. Deshalb wollte sie auf dem Album «Frédéric Chopin: Best Of Piano Works» aufbauen, das sie vor 31 Jahren beim deutschen Label Aurophon aufgenommen hatte.

Mathé selbst war nicht nur Interpretin, sondern auch Auftraggeberin und Produzentin. Als solche hat sie die Aufnahmen auch selbst bezahlt und ist gemäss Vertrag alleinige Rechteinhaberin der Musik.

Zu ihrer grossen Überraschung musste die Pianistin aber feststellen, dass die damaligen Aufnahmen über die Streaming-Plattformen Spotify, iTunes und Amazon längst erhältlich sind. Und sogar mit beachtlichem Erfolg: 758'842 Mal wurde ihre Interpretation von Chopins «Walzer Op. 64 No.2 in C Sharp Minor» zum Beispiel allein bei Spotify, dem Branchenprimus, gestreamt.

Zum Vergleich: Die Schwinger-Hymne «Maa gäge Maa» der höchst populären Büetzer Buebe Trauffer und Gölä wurde nur 196'794 Mal gestreamt. Doch im Gegensatz zu Gölä und Trauffer hat Mathé, notabene alleinige Rechteinhaberin, für diese Streams weder Abrechnungen, geschweige denn Geld erhalten. Sie sagt:

«Ich habe nie etwas gekriegt.»
Christiane MathéPianistin

Christiane Mathé
Pianistin

Bild: zvg

Die Pianistin wollte der Sache auf den Grund gehen – sie klären – und hat die diversen Plattformen über die Rechteverletzung informiert. «Ich habe keinen Schadenersatz gefordert», sagt Mathé, «ich wollte nur, dass die Aufnahmen von den Plattformen genommen werden, damit ich sie selbst, als Rechteinhaberin, online anbieten kann.»

Die Geschichte von Christiane Mathé ist kein Einzelfall

Die Spur führte sie in die USA, zum US-Label AAO Music und seinem Ableger in England, das die Chopin-Aufnahmen Online zur Verfügung stellte. AAO Music behauptete aber auch, alle Rechte zu besitzen, und weigerte sich deshalb, die Aufnahmen aus dem Online-Angebot zu streichen.

Tatsächlich konnte AAO Music nachweisen, dass es vor Jahren einen Musik-Katalog gekauft hat, in dem die Aufnahmen enthalten waren – jedoch ohne Zustimmung der Musikerin. Dabei handelt es sich um den Katalog des Labels Aurophon, das inzwischen in Konkurs gegangen ist. AAO Music weigerte sich trotz klarem Wortlaut des Vertrags zwischen Aurophon und Mathé, die Künstlerin als Rechteinhaberin anzuerkennen.

Die Geschichte von Christiane Mathé ist kein Einzelfall. Bruno Marty von der Schweizerischen Interpretengenossenschaft SIG bestätigt, dass auf diese Weise mit unzähligen Musikern verfahren wird. Er vermutet ein «systematisches Vorgehen» und sagt:

«Einzelne internationale Labels nutzen Spotify & Co und bauen darauf, dass die betrogenen Musiker das einfach hinnehmen.»
Bruno Marty Geschäftsleiter der Schweizerischen Interpretengenossenschaft SIG

Bruno Marty
Geschäftsleiter der Schweizerischen Interpretengenossenschaft SIG

Bild: SIG / interpreten.ch

Marty fügt an: «Ausgesucht werden deshalb bewusst eher unbekannte Musiker, kaum Stars. Denn wer sich auflehnt und für seine Rechte kämpft, braucht nicht nur Zeit und Geduld, sondern auch Durchhaltewillen und Geld».

Christiane Mathé wollte nicht aufgeben und beschloss, für ihr Recht zu kämpfen. Im Herbst 2019 wandte sie sich an die SIG, die sich um die Rechte von Schweizer Interpreten kümmert, und bat um Rat und Unterstützung. Erschwert wurde die Situation dadurch, dass die Parteien mit Sitz in verschiedenen Ländern unterschiedlichen Gerichten unterstehen.

In England wurde deshalb eine Kanzlei beigezogen. Und weil der ursprüngliche Vertrag mit Aurophon deutschem Recht untersteht, wurde ein Gutachten zum Vertrag erstellt, das von englischen Gerichten anerkannt werden soll. Der renommierte Spezialist für Urheber- und Medienrecht Prof. Jan Nordemann bestätigte darauf in einem Gutachten Christiane Mathé als alleinige Rechteinhaberin.

Jetzt gab AAO Music nach: «Wir sind immer noch der Meinung, dass wir die Rechte haben», schrieb das Label, «doch wir sind glücklich, dass wir die Aufnahmen in Zukunft nicht mehr nutzen». Ende gut, alles gut? Mitnichten!

Mathé belieferte Spotify und iTunes mit den Dokumenten und forderte, dass die Aufnahmen nur noch durch sie zu verwerten seien. Alle anderen Aufnahmen würden «unter Piraterie» fallen. Doch dann tauchte plötzlich ein weiteres Label auf, die amerikanische Savoy Media Holding, die die Aufnahmen auf den Plattformen anbot und behauptete, dass die Aufnahmen ihnen gehörten.

Das Spiel begann nun einfach von neuem. Mathé mahnte die Plattformen an. Sie sagt:

«Einige Tage sind die Chopin-Aufnahmen weg, doch dann tauchen sie wieder auf.»

Dieses böse Spiel treibt nicht nur Spotify. Mathé beschwerte sich auch bei anderen Plattformen.

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Während Google Play die Forderung ignorierte, zeigte sich Amazon vordergründig einsichtig. «Doch während 10 Versionen entfernt werden, werden 40 neue Versionen neu aufgeladen», sagt Mathé.

Streaming-Plattformen ignorieren gesetzliche Vorschriften

Bruno Marty von der SIG ärgert sich, dass die Anbieter von digitalen Inhalten «sich aus der Verantwortung ziehen und einfach sagen, dass sich die streitenden Parteien direkt einigen sollen».

Dabei wären Spotify & Co eindeutig in der Pflicht. Denn gemäss dem revidierten Urheberrechtsgesetz, das seit dem 1. April 2020 in Kraft ist, sind Plattformen dazu verpflichtet, illegale Aufnahmen zu entfernen. Sie müssen auch dafür sorgen, dass einmal entfernte urheberrechtsverletzende Inhalte auch entfernt bleiben (stay down). Aber offenbar foutieren sich Spotify & Co um solche gesetzlichen Vorschriften.

«Die Plattformen ignorieren in diesem Fall schon fast bewusst, dass Mathé die Rechteinhaberin ist», sagt Bruno Marty. Noch deutlicher wird Mathé:

«Musiker und Musikerinnen wie ich werden systematisch bestohlen.»

Sie überlegt sich deshalb Klagen gegen Spotify & Co wegen Rechteverletzung.

Das Geschäftsmodell der Täuschung

Viele Musiker wissen gar nicht, dass ihre Rechte missbraucht werden.

Die Streaming-Plattformen haben die Mechanismen des Musikmarkts auf den Kopf gestellt. Der Stream ist die neue Währung der Musik. Der einzelne Stream wirft zwar wenig ab (bei Spotify derzeit 0,00397 US-Dollar pro Stream), aber in der Summe aller Plattformen und einer weltweiten Verbreitung kann sich das für Musiker und Musikerinnen durchaus auch lohnen. Im Fall von Christiane Mathé sind das seit 2009 allein bei Spotify immerhin 2 Millionen Streams für die besagten Chopin-Aufnahmen.

Entscheidend ist, wie der einzelne Musiker im unendlichen Meer von Songs auf sich aufmerksam machen kann. In der Popmusik sind das die von Spotify & Co. kuratierten Playlists. Wer auf einer relevanten und viel beachteten Playlist auftaucht, hat zumindest die Chance auf Erfolg. Alle anderen gehen hoffnungslos unter und verschwinden in der Anonymität.

In der klassischen Musik spielen zudem die sogenannten Künstler- und Komponisten-Profile eine zentrale Rolle. 3,8 Millionen monatliche Hörer folgen aktuell dem Profil von Frédéric Chopin.

Frédéric Chopin

Frédéric Chopin

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Bei Bach sind es 5,3 Millionen, Bei Beethoven 5 und bei Mozart 4,4 Millionen. Bei den Klassikfans ziehen die grossen Namen der Komponisten in der Regel besser als die Interpreten. Wer als Chopin-Interpret im Künstler-Profil von Chopin unter Neuerscheinung auftaucht, hat beste Chancen, von den Chopin-Followern rund um den Globus gestreamt zu werden.

Genau so war es bei Christiane Mathés «Frédéric Chopin: Best Of Piano Works». 266 000-mal wurde ihre Aufnahme im Jahr 2019 allein bei Spotify gestreamt. Nur dass nicht die Interpretin und Rechteinhaberin profitiert hat, sondern irgendwelche Labels, welche die Aufnahmen illegal anbieten.

«Ich habe den Aufwand und die Kosten, andere die Einnahmen», sagt Mathé. Und dies gleich mehrfach, denn die Streaming-Portale wenden einen täuschenden Kniff an: Mathés Chopin von 1989 wird den Followern immer wieder als Neuveröffentlichung angeboten. «Einmal im Monat wird meine Aufnahme wieder als neu angezeigt», sagt die Pianistin, «oder dann werde ich immer mal wieder als Amerikanerin Christiane Mathe verkauft, also einfach ohne accent aigu».

Und was machen Spotify, Apple & Co.? «Die Streaming-Plattformen spielen dieses Spiel des Unrechts und der Täuschung mit», sagt Bruno Marty. Inzwischen hat die Pianistin neue Chopin-Aufnahmen gemacht: «Most Beautiful Piano Music». «Viel besser als die Aufnahmen von 1989», sagt Mathé, «aber Spotify will davon einfach nichts wissen und hat sie vom Chopin-Profil entfernt. Stattdessen werden weiter meine alten Aufnahmen als neu etikettiert.» Eine Mogelpackung. Während weiter andere abkassieren, fühlt sich Christiane Mathé betrogen und hintergangen.

Christiane Mathé hofft auf einen Me-Too-Effekt

Für den einzelnen Musiker mag die Rechteverletzung vernachlässigbar sein. In der Summe der betroffenen Musiker kann das Geschäftssystem für Label und Streaming-Portal aber lohnend sein. Steckt Spotify mit den Labels unter einer Decke? Profitiert das Streaming-Portal, wenn es die Labels gegenüber Christiane Mathé bevorteilt? Spotify wollte auf den geäusserten Verdacht nicht antworten. Auch die Frage, weshalb das Portal die illegalen Aufnahmen nicht einfach vom Netz nimmt, blieb unbeantwortet.

Mathé kann sich vorstellen, dass viele Musikerinnen und Musiker gar nicht wissen, dass ihre Rechte unrechtmässig missbraucht werden. Sie macht ihren Fall publik, weil sie auf einen «Me-Too-Effekt hofft». Sie sagt:

«Wenn alle betroffenen Musiker sich wehren, auflehnen und klagen, kann man vielleicht etwas bewirken.»
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