Die Wuppenauer Autorin Olivia Grubenmann beschreibt, wie Millennials ticken

Olivia Grubenmann hat einen Roman über ihre Generation, die Millennials, geschrieben. Die 24-Jährige hat sich dafür drei Monate lang in eine Zürcher Schreibstube zurückgezogen.

Valeria Heintges
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Die 24-jährige Olivia Grubenmann beschreibt in kurzen Szenen typische Milieus.

Die 24-jährige Olivia Grubenmann beschreibt in kurzen Szenen typische Milieus.

Bild: PD

Eigentlich geht es allen gut in Olivia Grubenmanns Roman, der im Moment noch den Arbeitstitel «Millennials» trägt. Keiner kennt materielle Sorgen, alle können machen und werden, was immer sie wollen. Alles ist wunderbar vorgespurt: Schule, Kanti, Studium, Beruf. Und sie sind vernetzt, mit allem und jedem, und jederzeit erreichbar. Langweile kennen sie nicht. Eigentlich.

Alles könnte so schön sein. Ist es aber nicht. Denn jede der zahlreichen Figuren in «Millennials» ist überfordert von Ansprüchen, die Eltern und Freunde an sie stellen. Sie vergessen darüber komplett, wer oder was sie selbst sein wollen. Sie haben Hunderte Online-Freunde – und sind doch allein mit ihren Sorgen. Und trotz allem kreuzunglücklich.

Die Hauptfigur Vivienne ist da keine Ausnahme. Sie hat ein Wirtschaftsstudium hinter sich und steckt in zwei Marketing-Teilzeitjobs. Einen «soliden Job» wünscht sich die Mutter für sie. Aber was will sie selbst? Vivienne hat schlicht so viele Möglichkeiten, dass sie sich schlicht nicht entscheiden kann.

Noch hat das Buch keinen Namen

Die Millennials, das sind die um die Jahrtausendwende Geborenen wie die 24-jährige Olivia Grubenmann selbst. Allerdings hatte die Thurgauerin nie Entscheidungsprobleme, was ihre Berufswahl anging. Sie hat schon immer gewusst, dass sie einmal schreiben möchte. Ihren ersten Roman schrieb sie, die in Wuppenau aufwuchs, als Maturitätsarbeit an der bilingualen Kantonsschule Wil – auf Englisch. Sie sagt:

«Es hat beim Schreiben der ‹Millennials› jetzt sehr geholfen, dass ich wusste, dass ich diesen ganzen Prozess schon einmal geschafft habe.»

Die Inspiration für ihren Roman bekam sie in Gesprächen mit Gleichaltrigen, in denen es um die immer gleichen Themen ging: um Überforderung, um zu viele Möglichkeiten, um die Unfähigkeit, zu wissen, was man will.

Drei Monate lang konnte Grubenmann im «Denkraum», einem kleinen Zimmerchen unter dem Dach des Zürcher Literaturmuseums Strauhof, in Ruhe an ihrem Roman arbeiten. Am Montagabend las sie zum Abschluss der Denkraum-Zeit im Veranstaltungssaal des Strauhofs Ausschnitte des unfertigen Werks vor, für das sie noch keinen Verlag hat und dessen endgültiger Titel auch noch nicht feststeht.

Sie präsentierte dabei einen präzisen Stil und die Fähigkeit, in kurzen Szenen typische Milieus zu beschreiben. Etwa ein hoch angespanntes Abendessen mit Eltern und Schwestern oder Viviennes reichlich absurdes, aber sehr opulentes Mahl mit drei Influencerinnen in einem Zürcher Hipster-Restaurant. Die Influencerinnen allerdings kommen erst zum Essen, nachdem sie Fotos gemacht und diese auf den entsprechenden Kanälen hochgeladen haben. Die Speisen selbst sind da freilich schon längst kalt.

Die Figuren entwickeln plötzlich ein Eigenleben

Olivia Grubenmann hatte schon Ideen und Skizzen und auch schon ein paar Seiten geschrieben, als sie in den Denkraum einzog, der gemeinsam vom Strauhof und dem Literaturhaus Zürich jungen Schreibern angeboten wird. Aber die Arbeit in ihrem Schreibreich, in dem sie ungestört arbeiten und ihre Blätter wahllos an Wänden und auf dem Boden verteilen durfte, war so intensiv, dass sie im Nachhinein das Gefühl hat, erst hier richtig mit der Arbeit begonnen zu haben.

«Das Haus ist so voller Geschichte», erzählt Grubenmann, «da konnte ich alles andere ausblenden.» Beim Schreiben holte sie allerdings die Angst der Millennials vor Entscheidungen doch noch ein: Es fiel ihr schwer, sich immer wieder entscheiden, wie es mit Vivienne und ihren anderen Figuren weitergehen sollte. Aber die Jungautorin konnte feststellen, dass es auch Vorteile hat, die Kontrolle aufzugeben:

«Die Figuren haben plötzlich ein Eigenleben entwickelt. In dem Moment fing es an, richtig Spass zu machen.»