Miles Davis: Fast 30 Jahre nach dem Tod des Popstars des Jazz erscheint ein neues Album

Es ist die grösste Jazz-Sensation seit langem: 28 Jahre nach dem Tod von Miles Davis erscheint ein verschollenen geglaubtes Album. «Rubberband»ist das poppigste Werk des grossen Erneuerers. Er hätte es wohl nie veröffentlicht.

Stefan Künzli
Drucken
Teilen
Miles Davis: Der Trompeter hat den Jazz der Nachkriegszeit geprägt wie kein Zweiter. Bild: Serge Cohen/Opale/Leemage/laif

Miles Davis: Der Trompeter hat den Jazz der Nachkriegszeit geprägt wie kein Zweiter. Bild: Serge Cohen/Opale/Leemage/laif

30 Jahre lang war Miles Davis bei Columbia Records unter Vertrag und veröffentlichte auf diesem Label epochale Werke wie «Kind Of Blue» (1959) oder «Bitches Brew» (1969). Doch 1985, nach der Platte «You’re Under Arrest», kam es zum Bruch. Das Album hatte heftige Kontroversen in der Jazzgemeinde ausgelöst. Grund waren die Interpretationen von Cindy Laupers «Time After Time» und Michael Jacksons «Human Nature». Zwei Popsongs, die der Meister mit grossem Respekt behandelte und fast unangetastet beliess. Es war der vorläufige Höhepunkt von Miles Davis’ Flirt mit der Popmusik.

Als grosser Antipode brachte sich Wynton Marsalis in Stellung. Der junge, aufstrebende Trompeter wurde gerade als erster und bisher einziger Musiker mit Grammys in Jazz und Klassik ausgezeichnet. Den Jungstar und den Altmeister verband eine intensive gegenseitige Abneigung: hier der Erneuerer Miles Davis, dort der Traditionalist Marsalis, der die Vergangenheit des Jazz verklärte, jeder Form von Popmusik Ernsthaftigkeit absprach und seinem einstigen Idol Verrat am Jazz vorwarf.

Davis entgegnete, dass die grosse Mehrheit der akzeptierten Jazzstandards im Grunde Popsongs aus Broadwaystücken seien. Wer als Jazzmusiker auf der Höhe der Zeit sein wolle, müsse sich unbedingt mit der Musik von Michael Jackson befassen. Marsalis bezeichnete er als einen «verwirrten jungen Mann», der über ein «grosses technisches Können» verfüge, aber «toten Shit» spiele. Der Streit war elementar. es ging um nicht weniger als um die Deutungshoheit und die Vormachtstellung im Jazz.

Miles Davis wollte in die Hitparade

Miles Davis hat die Geschichte des Jazz in der Nachkriegszeit geprägt wie kein Zweiter. Nach der Blütezeit des Be-Bop, die er bei Charlie Parker miterlebte, beeinflusste Davis die Entwicklung von Cool Jazz, Hard Bop, den modalen Jazz, Third Stream und Jazzrock (siehe Spalte rechts). Mitte der 70er-Jahre zog er sich für sechs Jahre zurück. Er war krank, drogenverseucht und ausgelaugt, körperlich und psychisch ein Wrack.

Als er sich 1980 zu einem Comeback entschloss, war ihm bewusst, dass er, der grosse Erneuerer, nicht einfach dort weitermachen konnte, wo er aufgehört hatte. Er wäre sich und seinem musikalischen Credo der steten Veränderung untreu geworden. Vom grossen Innovator und Impulsgeber erwartete die Welt etwas Neues. Der neue Miles, seine Hinwendung zu Funk-Rhythmen und Pop war zwar nichts wirklich Neues, sein stilistischer Richtungswechsel, sein Flirt mit dem Pop für die Jazzgemeinde dennoch ein Schock. Die Musik, mit Elektronik, Keyboards und Soulgesang aufgepeppt, sollte die Jungen erreichen und kommerziell erfolgreich werden. «Miles will der Grösste sein», sagte damals der deutsche Jazzpapst Joachim Ernst Behrendt.

In dieser Situation kam ihm Herausforderer Wynton Marsalis in die Quere. Der schwierige Charakter von Miles Davis konnte es nicht ertragen, dass das Label Capitol seinen Kontrahenten «bevorzugt behandelte» und umgekehrt seiner Musik mit Desinteresse begegnete. Der schwer beleidigte Miles Davis kündigte bei Capitol und unterschrieb beim Konkurrenten Warner, um seinen Weg zum Pop konsequent zu verfolgen und sich noch stärker von den rückwärtsgewandten Traditionalisten zu distanzieren. Wenige Wochen nach der Vertragsunterzeichnung ging er ins Studio und nahm das poppigste Album seiner Karriere auf: «Rubberband».

Mit den damaligen Hitsängern Al Jarreau und Chaka Khan wollte Miles auf «Rubberband» einen Schritt weiter gehen und mit Gesang die Hitparaden stürmen. Doch zur Zusammenarbeit kam es nicht. Stattdessen singen auf dem Album Lalah Hathaway, Ledisi und Randy Hall. «So emotional» mit Hathaway ist immerhin eine schöne Soulballade. Als misslungen muss dagegen der offensichtliche Versuch von Ledisi und Produzent Hall gewertet werden, Chaka Khan und Al Jarreau zu ersetzen und zu imitieren. Noch peinlicher ist «Paradise», ein Samba mit weiblichen Backing-Vocals, Flöte, Steeldrums und spanischer Gitarre.

Die restlichen Songs bewegen sich stilistisch im Rahmen dessen, was man damals Cool Funk nannte. Miles hatte zuvor seinen Lebenswandel radikal umgestellt, verzichtete auf Alkohol und Drogen und war nach Jahren des körperlichen Raubbaus wieder relativ fit. Eine neue Hüfte, eine neue Frau, ein neues Haus in Malibu gaben ihm zusätzliche Motivation. Trotzdem wechseln in seinem Trompetenspiel (er spielte auch Keyboards) Licht und Schatten. Wirkliche Glanzlichter findet man auf «Rubberband» nicht.

Miles Davis total: Drei Jubiläen, drei Meilensteine

Vor 70 Jahren: The Birth Of The Cool Das Album, das in zwei Studiosessions 1949 und 1950 mit Arrangeur Gil Evans aufgenommen wurde, markiert den Übergang vom Be-Bop zum Cool Jazz. Mit seiner zurückhaltenden, sanften Ästhetik setzte es einen Kontrapunkt zum heissen, extrovertierten Be-Bop. «The Birth Of The Cool» heisst auch ein faszinierender neuer Dok-Film von Stanley Nelson über das Leben von Davis mit bisher nicht gezeigtem Filmmaterial. In diesen Tagen feierte er in den USA Premiere. Am diesjährigen Festival Blue Balls in Luzern wurde er gezeigt und dürfte wohl bald auch auf DVD erhältlich sein.
3 Bilder
Vor 60 Jahren: Kind Of Blue «Kind of Blue» gilt als das Album des modalen Jazz, der den Solisten Miles Davis, John Coltrane, Cannonball Adderley und Bill Evans neue Möglichkeiten eröffnete. Mit 6 Millionen Einheiten weltweit ist das Album das meistverkaufte in der Geschichte des Jazz.
Vor 50 Jahren: Bitches Brew«Bitches Brew», gleich nach «Woodstock» aufgenommen, gilt als Initialzündung für die Hinwendung des Jazz zum Rock. Das Album beeinflusste Legionen von Fusion- und Jazzmusikern und nimmt im Werk von Miles Davis und in der Entwicklung des Jazz eine herausragende Stellung ein.

Vor 70 Jahren: The Birth Of The Cool
Das Album, das in zwei Studiosessions 1949 und 1950 mit Arrangeur Gil Evans aufgenommen wurde, markiert den Übergang vom Be-Bop zum Cool Jazz. Mit seiner zurückhaltenden, sanften Ästhetik setzte es einen Kontrapunkt zum heissen, extrovertierten Be-Bop. «The Birth Of The Cool» heisst auch ein faszinierender neuer Dok-Film von Stanley Nelson über das Leben von Davis mit bisher nicht gezeigtem Filmmaterial. In diesen Tagen feierte er in den USA Premiere. Am diesjährigen Festival Blue Balls in Luzern wurde er gezeigt und dürfte wohl bald auch auf DVD erhältlich sein.

«Rubberband» ist kein Meilenstein

Die Fäden als Produzenten zogen Randy Hall und Zane Giles und Davis’ Neffe Vince Wilburn Junior. Hall und Wilburn hatten schon beim Comeback-Album «The Man With The Horn» von 1981 jene Songs zu verantworten, die bei der Kritik durchfielen. Diese Produzenten sind es, die das vergessene Album ausgruben, mit Soundeffekten der Gegenwart aufarbeiteten, fertigstellten und einen überflüssigen Remix des Titelsongs zusammenbastelten.

Wer vom Meister postum ein Meisterwerk erwartet hat, muss enttäuscht werden. Vielmehr kann nachvollzogen werden, weshalb Miles das Werk zurückstellte und sich einem vielversprechenden Projekt mit dem Bassisten Marcus Miller zuwandte. «Rubberband» war qualitativ schlicht zu wenig gut. Wenig später erschien «Tutu», ein ungleich geschlosseneres, inspirierteres Album, das mit zwei Grammys ausgezeichnet und nach «Kind Of Blue» zum kommerziell erfolgreichsten Album des Meisters wurde. «Rubberband» ging vergessen und setzte in den Studioarchiven Staub an.

Interessant ist das «vergessene Album» dennoch, weil es im Spätwerk von Miles, in einer entscheidenden Phase, eine Lücke schliesst. «Rubberband» zeigt aber vor allem, wie risikofreudig er selbst im Herbst seiner Karriere war. Viele aus der Jazzgemeinde mögen seinen Flirt mit dem Pop als Irrweg bezeichnen, und «Rubberband» mag tatsächlich ein musikalischer Flop sein. Sein Wille zur Erneuerung verdient aber höchsten Respekt. Bis zu seinem Tod 1991 hat er zumindest versucht, auf der Höhe der Zeit zu bleiben. «Never look back», wie Miles selbst sagte. Nur der Blick nach vorn zählt.

Tipp

Miles Davis Rubberband (Warner). Erscheint am 6. September.