Miles Davis auf dem Seziertisch

Einmal im Jahr kehrt der in New York lebende Musiker Fa Ventilato in sein Heimatdorf Balgach zurück. Eine Begegnung mit dem Klangkünstler, dessen Instrument der CD-Spieler ist, und der nur ungern einen Plan verfolgt.

Roger Berhalter
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«Es gibt keine schlechte Musik»: Fa Ventilato (CD-Spieler), Carlo Lorenzi (Schlagzeug) und Florian King (Bass) in der Bierhalle Balgach. (Bild: David Suter)

«Es gibt keine schlechte Musik»: Fa Ventilato (CD-Spieler), Carlo Lorenzi (Schlagzeug) und Florian King (Bass) in der Bierhalle Balgach. (Bild: David Suter)

BALGACH. Fuckintosh. In einer Schweizer Zeitung darf dieses Schimpfwort stehen. In New York dagegen, wo Fa Ventilato seit bald 20 Jahren wohnt, ist es selbst als Künstlername tabu. Ein Grund mehr für den 47jährigen Klangtüftler, sich so zu nennen. Denn die Irritation gehört ebenso zu seinem Alter Ego Fuckintosh wie die CD-Player, mit denen er seine Musik macht. Es begann mit Mash-ups: Johnny Cash vs. AC/DC, Kraftwerk vs. The Beatles, Eric Satie vs. Richard Wagner. Fa Ventilato mixte die Musik dieser so unterschiedlichen Künstler allein mit zwei CD-Spielern zusammen. Diese Performances sind nicht reproduzierbar. «Ich könnte mir das Zeug schon merken, aber darum geht's nicht», sagt Ventilato beim Gespräch in der Bierhalle in seinem Heimatdorf Balgach, wo er über die Festtage wie üblich seine Eltern besucht.

CD-Spieler live manipulieren

Abgesehen von dieser alljährlichen Rückkehr ins Rheintal sind Wiederholungen nicht sein Ding. Es geht ihm vielmehr um den Live-Moment, wenn er «im Jetzt etwas bestimmen» kann. «Es gibt keine schlechte Musik, nur schlechte Momente», sagt Ventilato denn auch. In den vergangenen Jahren hat der drahtige Musiker eine erstaunliche Fertigkeit entwickelt, Silberlinge mit dem CD-Spieler live zu manipulieren. Er nutzt die Abspielgeräte wie Instrumente, dehnt und staucht die Klänge, lässt sie Endlosschleifen drehen und verändert die Tonhöhe per Schieberegler. Mit einem Equalizer kann er gezielt Frequenzen ansteuern, ein Pedal regelt die Lautstärke.

Für das Konzert an diesem Donnerstagabend in der Balgacher Bierhalle hat sich Ventilato mit anderen Freigeistern zusammengetan. Pianist Götz Arens, dessen grösster Graus es ist, eine Melodie zweimal zu spielen. Drummer Carlo Lorenzi, der auch zum sperrigsten Loop noch den Takt findet. Bassist Florian King, der ohne mit der Wimper zu zucken das Groove-Fundament legt. Und Posaunist Uli Binetsch, der auch Klassik kann, aber sagt: «Ohne die Improvisation könnte ich nicht leben.»

Vorhören ist unnötig

Die Jazzcombo improvisiert also drauflos, wechselt zwischen wilden und sphärischen Passagen und traditionellem Swing. Fa Ventilato beugt sich über den CD-Player am Stehtisch und seziert die Miles-Davis-Aufnahme, die er sich für diesen Abend ausgesucht hat. Er lässt den Jazztrompeter mit Posaunist Binetsch duellieren oder gibt den Musikern mit einem Bossa-Nova-Loop die Richtung vor. Nur einen einzigen CD-Player braucht er an diesem Abend, er verzichtet bei seiner Klangmanipulation sogar auf Kopfhörer: «Ich höre nie vor.»

Im Vorprogramm von Kosheen

Für ein paar Wochen ist Ventilato nun im Land, und befreundete Musiker sind eifrig dabei, Konzerte für den New Yorker Gast zu organisieren. Auf dem (rollenden) Plan stehen Auftritte im Rheintal sowie ein Konzert im St. Galler Palace mit mehreren Gästen am Mikrophon. Zudem hat es sein Schwager, der Diepoldsauer Drummer Carlo Lorenzi, sogar geschafft, The Fuckintosh Experience ins Vorprogramm der britischen Band Kosheen einzuschleusen.

«Ich weiss nicht genau, wo das hinführt», sagt Ventilato. Sein Equipment stellt er jeweils erst kurz vor dem Auftritt zusammen. «Mein optimales Set-up: Ein CD-Player, ein Plattenspieler, ein Radio und ein offenes Mikrophon. Dann habe ich alles, was ich brauche.»

Sa, 20.12., 22 Uhr, Palace, St. Gallen (mit Manuel Stahlberger, Shem Thomas, Marie Malou, Pfahlbauer, Deed, Carlo Lorenzi); So, 21.12., 15 Uhr; Galerie Art Dosera (Rheinstäpflistrasse), Diepoldsau; Fr, 26.12., 21 Uhr, Poolbar, Feldkirch (mit Kosheen)

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