Michel Houellebecq und Gérard Depardieu treffen sich in der Wellnesshölle

Ein bisschen wirkt der Kinofilm «Thalasso» wie ein Film mit Dick und Doof: Zwei mürrische Enfants terribles der französischen Gegenwart, der Schriftsteller Michel Houellebecq und der Schauspieler Gérard Depardieu schlurfen konsterniert durchs Wellnesshotel. Das ist sehr lustig und voller Selbstironie.

Hansruedi Kugler
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Michel Houellebecq (links) fantasiert von einer eigenen Kandidatur als französischer Präsident, Gérard Depardieu (rechts) reagiert mit ungläubigem Staunen.

Michel Houellebecq (links) fantasiert von einer eigenen Kandidatur als französischer Präsident, Gérard Depardieu (rechts) reagiert mit ungläubigem Staunen.

Bild: Xenix

Da sitzt also Michel Houellebecq im weissen Bademantel im chromstahlglänzenden Speisesaal alleine an seinem Tischchen. Zum Mittagessen kündigt der Kellner an: Kürbissuppe, danach pochierte Banane. Houellebecqs leise, verblüffte Frage «Und als Hauptgang?» quittiert der Kellner mit stoischer Zurückweisung: «Tut mir leid, Sie sind auf Diät.» Mit dem Weinverbot ist die Demütigung dann komplett. Der Leberwert ist mit 110 viel zu hoch, normal wären 15 bis maximal 55. Wie Michel Houellebecq, französischer Star- und Skandalautor, konsterniert und eingeschüchtert alles das über sich ergehen lässt, ist grosse Komik. Der Zyniker kann es nicht fassen und verstummt.

Die beiden reden sich um Kopf und Kragen

Die Komik im neuen Spielfilm von Guillaume Nicloux ergibt sich bei diesem maximalen Kontrast wie von alleine: Michel Houellebecq, der kettenrauchende Alkoholiker und scharfzüngige Verächter des Zeitgeistes, und Gérard Depardieu, als aufgedunsener, ordinärer, alter Lebemann wirken hier als ungleiches Paar wie Dick und Doof in einer absurden Szenerie. Sie sind die personifizierten Rebellen gegen den grassierenden Gesundheitsfetischismus.

Houellebecq und Depardieu müssen ihren Wein versteckt im Hotelzimmer trinken.

Houellebecq und Depardieu müssen ihren Wein versteckt im Hotelzimmer trinken.

Bild: Xenix

Deshalb ist «Thalasso» gleichzeitig als heitere Satire auf den Gesundheitswahn ein Vergnügen voller Gags sowie als existenzialistische Komödie und als Selbstdemontage zweier eitler Provokateure ein ziemlich kluger Spass mit vielen Andeutungen auf Politik, Filmbranche und Religion. Vorausgesetzt, man fühlt sich von vulgären Männergesprächen nicht abgestossen. Die ganze Zeit fragt man sich: Spielen sie sich selbst? Improvisieren Houellebecq und Depardieu? Folgen sie einem strikten Drehbuch? Man spürt dem Film von Guillaume Nicloux an: wohl von allem ein wenig. Die beiden Leidensgenossen liegen schlammverkrustet nebeneinander, lassen sich in der grotesken Kälteschock-Therapie bei minus 70 Grad Celsius quälen, trinken wie kichernde Teenager verbotenerweise auf ihren Zimmern gemeinsam Rotwein und reden sich um Kopf und Kragen.

Michel Houellebecq in der Kryotherapie-Nebelkammer bei -84 Grad Celsius.

Michel Houellebecq in der Kryotherapie-Nebelkammer bei -84 Grad Celsius.

Bild: Xenix

Houellebecq fantasiert von einer Kandidatur als französischer Präsident. Einmal glotzt Gérard Depardieu seinen Leidensgenossen ungläubig an: «Du solltest zum Psychiater», als jener zu weinen beginnt und davon faselt, dass er an die leibliche Wiedergeburt glaube («Ich werde gleich meine Oma berühren»). Depardieu andererseits gebärdet sich als vulgärer Lebemann, wenn er prahlt, er habe mit allen Schauspielerinnen seiner Generation geschlafen, und nun sagt: «Es gibt auch 80-jährige Frauen, die fickbar sind.»

Dann tauchen noch Houellebecqs Entführer auf

Diese Komik der Selbsterniedrigung und Entlarvung füllt zwei Drittel des Films: Denn Houellebecq, dieser literarische und öffentliche Provokateur, schlurft im ganzen Film wie ein mürrischer Obdachloser mit hängendem Kopf durch die endlosen Gänge des Wellnesstempels Thalasso an der herbstlich vernebelten Küste Nordfrankreichs. Der weisse Bademantel reduziert ihn zusätzlich zum Patienten. Warum zum Teufel tut er sich die Tortur an? Der Abschiedskuss seiner jungen Ehefrau (dieselbe wie im realen Leben) nach dem Gesundheitscheck zu Beginn seines viertägigen Aufenthaltes gibt nur einen schwachen Hinweis.

Denn letztlich ist das natürlich eben doch kein Dokumentarfilm, sondern ein Spielfilm, eine Art Fortsetzung von Guillaume Nicloux’ Film «Die Entführung des Michel Houellebecq» aus dem Jahr 2014. Seine damaligen Spielfilm-Entführer, eine schräge Bande von Chaoten, tauchen im Wellnesstempel auf und fordern Houellebecq auf, ihre Mutter zurückzuholen. Die 80-jährige Dame habe nach Jahrzehnten ihren Ehemann verlassen, der nun mit Suizid drohe. So wird aus der absurden Wellnesskomödie noch eine chaotische Beziehungssoap mit Hellseherin, Telefondrohungen, jüdischen Gebeten, Sylvester Stallone als Geist am Strand und einem mysteriösen Ende. Michel und Gérard werden zu Nebenfiguren, die Wellness-Gags sind erschöpft.

Das heitere Spiel mit dem öffentlichen Bild zweier Enfants terribles ist über weite Strecken sehr lustig. Und Michel Houellebecq bringt die tragische Komik dabei auf den Punkt: «Das Drama des Alters ist, dass man jung bleibt.» Michel und Gérard wirken schliesslich doch nur wie kleine Buben.

Thalasso (F, 93 min.) Regie: G. Nicloux, ab Do. in den Kinos