Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben jetzt den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Ihr Konto ist aktiviert. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Lesevergnügen.

Museum im Lagerhaus St.Gallen: Aussenseiterkunst seit dreissig Jahren

Vor 30 Jahren wurde das Museum im Lagerhaus gegründet. Die Leiterin Monika Jagfeld und der Präsident der zugehörigen Stiftung für Naive Kunst und Art Brut, Peter Schorer, schauen zurück und in die Zukunft.
Interview: Christina Genova
Monika Jagfeld und Peter Schorer sitzen im neuen Entrée des Museums im Lagerhaus. (Bild: Urs Bucher)

Monika Jagfeld und Peter Schorer sitzen im neuen Entrée des Museums im Lagerhaus. (Bild: Urs Bucher)

Seit 1988 zeigt und sammelt das St. Galler Museum im Lagerhaus Kunst von psychisch Kranken, geistig Behinderten, von Aussenseitern der Gesellschaft, die ihre Werke abseits des Kunstbetriebes schaffen. Es leistete damit im Bereich der Outsider Art Pionierarbeit und ist bis heute das einzige Museum, dass sich auf Schweizer Kunst spezialisiert hat. Jährlich hat es im Durchschnitt 10000 Besucher. Die Museumsleiterin Monika Jagfeld ist seit zehn Jahren im Amt, ebenso lange präsidiert alt Stadtrat Peter Schorer den Stiftungsrat.

Ein Geschenk zum 30. Geburtstag hat sich das Museum im Lagerhaus mit dem neuen Entree im Erdgeschoss gleich selbst gemacht. Gibt es noch weitere Geschenke?

Monika Jagfeld: Im Frühling 2019 zeigen wir Antonio Ligabue zum ersten Mal in seiner Heimat St. Gallen. Hier ist er im Gegensatz zu Italien noch kaum bekannt. Die Ausstellung bildet den Auftakt zu einem Ausstellungsprojekt, in welchem es um das Andere in der Kunst geht. Wann ist der Mensch fremd und wo ist er fremd – das zeigt sich exemplarisch an Ligabue, der genau vor 100 Jahren 1919 aus der Schweiz nach Italien ausgewiesen wurde.

Als Sie vor zehn Jahren Ihre Stelle als Leiterin antraten, hatten Sie den Anspruch, dessen internationale Sichtbarkeit zu erhöhen. Wie steht es darum?

Jagfeld: Wir haben dieses Jahr acht Ausstellungskooperationen mit Leihgaben oder auch anderer Art, unter anderem mit Korea, Japan, Norwegen, Belgien, Holland. Knapp 100 Leihgaben gingen allein an eine grosse Ausstellung in Frankreich.

Kooperationen sind das eine, aber wie wird das Museum innerhalb und ausserhalb der Outsider-Art-Szene wahrgenommen?

Jagfeld: Im ausstellungsinstitutionellen Bereich sind wir auf jeden Fall bekannt. Es gibt die European Outsider Art Association (EOA). Da bin ich seit zwei Jahren im Vorstand. Dadurch wird das Netzwerk nochmals enger. Im Jahr 2020 wird die internationale Tagung des EOA bei uns in St. Gallen stattfinden. Peter Schorer: Die Herausforderung besteht darin, auch ausserhalb der Szene bekannter zu werden. Das ist nicht so einfach, wenn man mit einem Museum in St. Gallen ist und nicht in Zürich. Das Einzugsgebiet ist anders, die Medien sind in Zürich konzentriert. Es ist schwieriger, die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich zu ziehen.

Ursprünglich, vor 30 Jahren, war das Museum im Lagerhaus ganz auf Schweizer Kunst ausgerichtet. Da hat eine Öffnung stattgefunden.

Schorer: Was die Sammlung angeht, konzentrieren wir uns auf Schweizer Kunst. Was hingegen die Ausstellungen angeht, wollen wir nicht an den nationalen Grenzen stehen bleiben. Das widerspricht dem Wesen von Kunst. Wir sehen die Schweiz nicht als Insel, sondern mitten in der Welt.

Vor zehn Jahren ist die Gründergeneration abgetreten. Was hat sich verändert?

Schorer: Die ersten zwanzig Jahre waren eine Pionier- und Aufbauphase. Es ist sehr viel Grundlagenarbeit geleistet worden, sehr viele Werke sind zusammengekommen. Mittlerweile sind es schätzungsweise 35000 Artefakte. Die Leitung des Museums war ehrenamtlich, im Wesentlichen auf eine Person beschränkt und konnte nicht alles leisten. Deshalb war anschliessend eine Konsolidierung nötig. Die Sammlung musste aufgearbeitet werden, Werke nachgeführt, geflickt und sicher aufbewahrt werden. Wir haben ausserdem heute deutlich mehr Geld als vor zehn Jahren, sowohl von der öffentlichen Hand als auch von privater Seite. Zum Beispiel haben wir einen Förderclub aufgebaut.

Monika Jagfeld, wie war es für Sie, als «Aussenseiterin» hier anzufangen?

Jagfeld: Bei meinem ersten Besuch im Museum im Lagerhaus, inkognito, dachte ich, da gibt es noch einiges zu tun. Wenn eine Institution ehrenamtlich geführt wird und sehr wenig Geld vorhanden ist, spürt und sieht man das. Gerade bei unserer Kunst ist es ganz wichtig, diese würdig zu präsentieren. Andererseits war ich überrascht, wie professionell der Stiftungsrat geführt wird, so wie ich es von anderen Museen nicht kenne. In den letzten Jahren haben wir vieles sukzessive erneuert: anstelle der Neonröhren wurde eine Museumsbeleuchtung angebracht, der Boden wurde ersetzt und eine Museumsdatenbank angeschafft. Und als eines der wenigen Museen in der Schweiz haben wir 2016 Augmented Reality in die Kunstvermittlung eingeführt. Daraus sind die «Pocket Pictures» entstanden, die kleinste Ausstellung der Welt, die man sogar ausleihen und zu Hause erleben kann.

Wie sind Sie dazu gekommen, sich für Outsider Art zu engagieren?

Schorer: Interessiert an Kunst war ich schon immer. Dank meiner Eltern bin ich als Kind oft in Museen gegangen. Der zweite Grund ist, dass ich als St. Galler Stadtrat Vorstand der Direktion Soziales und Sicherheit war. Da sieht man in Bereiche des Lebens hinein, von denen man sonst nicht so weiss, dass sie existieren. Es ist faszinierend zu sehen, wie Kreativität gerade auch in nicht so einfachen Situationen zum Tragen kommt. Und schliesslich ist es eine Kunst, die einen in der Regel sehr stark über das Gemüt, «über den Bauch» packt. Das finde ich spannend.

Jagfeld: An der Kunst hat mich immer deren Kontext interessiert, der Mensch hinter dem Werk. Das ist auch der Grund, weshalb ich nicht nur Kunstgeschichte, sondern auch Psychologie studiert habe. Schon während des Studiums habe ich begonnen, für die Sammlung Prinzhorn in Heidelberg zu arbeiten – wo sich eine einzigartige historische Sammlung mit Arbeiten von Psychiatriepatienten befindet. Am Ende wurden es 13 Jahre. Das hat mich sehr geprägt.

Kommt es noch häufig vor, dass Leute sagen, Outsider Art sei gar keine Kunst?

Schorer: Das geschieht nicht nur bei dieser Kunst (alle lachen). Jagfeld: Ich stelle fest, dass die Diskussion sich verschoben hat von der Kunst zum Branding. Es kommt vor, dass Leute bei uns im Museum mit leuchtenden Augen vor einem Werk stehen und sagen: Wow, ist das toll! Warum ist das nicht in einem «richtigen» Museum? Das hat vielleicht damit zu tun, dass man das Unbequeme an dieser Kunst nicht so gerne sehen will. Hätten wir nur noch einen Kunsttopf, brauchte man nicht mehr nach Unterschieden fragen, aber auch nicht nach den Problemen, die damit verbunden sind. Ich bin jedoch der festen Überzeugung, dass wir offen darüber reden müssen: Da ist ein Mensch, sei es mit einer Beeinträchtigung oder in einer ganz schwierigen Lebenssituation, und er hat abseits des Kunstbetriebes trotzdem sehr gute Kunst gemacht.

Vor zehn Jahren haben Sie die Absicht geäussert, mit benachbarten Institutionen, wie der Kunsthalle, zusammenarbeiten zu wollen. Wie hat sich das entwickelt?

Jagfeld: Das haben wir bis heute nicht hingekriegt. Ich weiss, Giovanni Carmine von der Kunsthalle ist dieser Idee gegenüber sehr offen. Immer wenn wir uns sehen, sprechen wir darüber. Bis jetzt hat es leider noch nicht geklappt. Ich habe schon lange das Thema der Authentizität im Kopf, das sich gut für eine übergreifende Kooperation eignen würde.

Gemäss der These des Kunsthistorikers Peter Killer hat sich rund um den Säntis als «Magnetpol», als heiligem Berg, die Outsider Art besonders reich entwickelt. Was halten Sie davon?

Jagfeld: Ich glaube, diese Kunst gibt es überall. Die Frage ist, ob wir sie sehen. Das hat mit wertschätzender Wahrnehmung zu tun.

Welche Wünsche und Ziele haben Sie für die nächsten zehn Jahre?

Schorer: Die private Seite unserer Einnahmen muss stärker werden. Deshalb suchen wir für unseren Förderclub noch mehr Mitglieder. Ausserdem planen wir, die Kommunikation zu verbessern. Dazu haben wir von der öffentlichen Hand mehr Mittel erhalten. Jagfeld: Ich hätte den Wunsch, dass es ein definiertes Werbe- und Ankaufsetat gäbe. Schön wäre, wenn dank des neuen Entrees das Museum zunehmend belebter wird. Grosse Hoffnungen setzte ich in die neue Strategie von St. Gallen-Bodensee-Tourismus. Dabei soll St. Gallen als Kulturstadt verstärkt beworben werden. Davon werden alle Institutionen hier profitieren.

Museum im Lagerhaus (Bild: Michel Canonica)

Museum im Lagerhaus (Bild: Michel Canonica)

Hinweis

Jubiläumsausstellung Backstage bis 31.1.2019.

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.