«Mich hat Ingrids Passivität immer wieder provoziert»

Gerade kürzlich war ich an den Tagen der deutschen Literatur in Klagenfurt. Dort habe ich verschiedene Lesungen verfolgt. Einige waren an coolen Orten. Das war dann wie Public Viewing beim Fussball, jedoch mit Literatur: in Liegestühlen und mit einem Drink in der Hand.

Andreas Stock
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Isabelle Chappuis hat den Romanerstling von Julia Wolf gelesen. (Bild: Urs Bucher)

Isabelle Chappuis hat den Romanerstling von Julia Wolf gelesen. (Bild: Urs Bucher)

Gerade kürzlich war ich an den Tagen der deutschen Literatur in Klagenfurt. Dort habe ich verschiedene Lesungen verfolgt. Einige waren an coolen Orten. Das war dann wie Public Viewing beim Fussball, jedoch mit Literatur: in Liegestühlen und mit einem Drink in der Hand. Und dort hat unter anderen auch Julia Wolf gelesen. Ihr bisher unveröffentlichter Text «Walter Nowak bleibt liegen» war für mich einer der spannendsten Texte, die ich in Klagenfurt gehört habe – sie wurde dann dafür mit dem 3sat-Preis ausgezeichnet.

Auf einem Büchertisch entdeckte ich den 2015 erschienenen Débutroman der deutschen Autorin: «Alles ist jetzt». Den habe ich mir gleich gekauft.

Erinnerungen an die Kindheit

«Alles ist jetzt» ist kein einfaches Buch, ich habe es nicht nur gerne gelesen. Doch habe ich es immer wieder in die Hand genommen und weiter- gelesen. Es ist keine Lektüre, die einen in eine schöne Welt abtauchen lässt. Vielmehr schildert Julia Wolf eine düstere Welt, die mir fremd ist. Sie erzählt von einer jungen Frau, Ingrid, die beinahe tranceartig durch ihr Leben geistert und in unschönen Umständen aufwächst. Ihre Mutter ist Alkoholikerin, der Bruder Drogendealer, und der Vater verlässt die Familie, um sich sein Bild von einer «richtigen» Familie mit einer anderen Frau und neuen Kindern zu erfüllen. Und mittendrin Ingrid, allein und ziemlich verloren.

In der Erzählgegenwart erinnert sich eine vielleicht knapp 30jährige Ingrid an diese unerfreulichen Ereignisse ihrer Kindheit und Jugend. Sie lässt sich ständig treiben, scheint kaum einen eigenen Willen zu haben. Bis auf den Umstand, dass sie als 16-Jährige von zu Hause abhaut, ergreift sie eigentlich nie die Initiative.

Fünf Seiten überblättert

Diese Passivität von Ingrid, die von ihren Mitmenschen regelmässig ausgenutzt wird, hat mich immer wieder provoziert. Ich dachte dann jeweils, man sollte dich mal schütteln und sagen: Gopf, jetzt nimm endlich dein Leben in die Hand. Aber Ingrid bekommt ihr Leben einfach nicht auf die Reihe. Sie nimmt dann einen Job als Serviererin in einer Live-Sex-Bar an. Im Buch folgen dann auch Schilderungen aus dieser Bar, die ich nicht im Detail lesen wollte – da habe ich sicher fünf Seiten überblättert. Aber es gibt daneben sehr schöne Szenen; wie einmal, als Ingrid sich bemüht, ihrer Mutter zu helfen und die Welt in Ordnung scheinen zu lassen, als die einen Freund zu Besuch hat. Julia Wolf beschreibt die verzweifelte Situation Ingrids literarisch in einer Art Parallelität, so, als ob die Mutter mehrfach vorkommt.

Am Schluss erhält Ingrid eine Reise nach New York geschenkt, und es kommt zu einer Szene vor der Freiheitsstatue. Das ist der erste Lichtblick in diesem Buch. Ein Moment, der darauf verweist, dass ihre Zukunft besser werden könnte.

Präzise, lakonisch, poetisch

Gefesselt hat mich das Buch besonders wegen Julia Wolfs Sprache. Sie schreibt sehr präzise, lakonisch, manchmal poetisch, und stets in kurzen, prägnanten Sätzen. Sie hält aus der Perspektive von Ingrid selbst grauenvolle Dinge ungeschönt in einem sachlichen Ton fest. Erstaunlich ist es eigentlich schon, wenn man auf dem Buchumschlag das Porträt von Julia Wolf sieht. Dieses jugendliche Engelsgesicht bringt man fast nicht mit so einer abgebrühten Geschichte in Verbindung. Aber es ist spannend, sich mit Ingrid auseinanderzusetzen, die komplett anders ist als man selbst. Feelgood-Literatur finde ich langweilig, auch Fantasy-Bücher lese ich nicht. Ich mag viel lieber Bücher, die in der Realität verwurzelt sind. Das Leben ist so faszinierend und reich an Geschichten und Schicksalen, dass mir eine Flucht in Phantasiewelten literarisch verdächtig vorkommt.