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Architektur-Ikone Köbi Gantenbein: «Bauern machen ausserhalb von Bauzonen was sie wollen»

Zum 30-jährigen Jubiläum des Architekturmagazins «Hochparterre» erzählt Chefredaktor Köbi Gantenbein, weshalb Dörfer zu Bandstädten zusammenwachsen und wie der Klimawandel die Architektur verändert.
Interview: Philipp Bürkler
Wie sieht die Stadt in 30 Jahren aus? In der aktuellen Ausgabe wagt die Hochparterre-Redaktion einen Blick in die Zukunft. (Bild: Corinna Staffe)

Wie sieht die Stadt in 30 Jahren aus? In der aktuellen Ausgabe wagt die Hochparterre-Redaktion einen Blick in die Zukunft. (Bild: Corinna Staffe)

Köbi Gantenbein, wann haben Sie sich das letzte Mal so richtig über Architektur geärgert?

Ich bin heiter und gelassen und rege mich nicht gerne auf. Ich ärgere mich weniger über einzelne Bauten, als über die Unvernunft, wie nach wie vor Landschaft verbraucht wird. So ärgerte ich mich, als ich vor 14 Tagen durch das St. Galler Rheintal gewandert bin. Als ich in Buchs eingelaufen bin über Räfis, dachte ich mir, so läuft es halt immer noch: Zersiedelung und «Verhäuselung», als wäre endlos Boden da. Und ich staune, wie Neubauten überall gleich aussehen.

Können Sie ein weiteres Beispiel nennen?

Beispielsweise im Reusstal im Kanton Aargau. Da haben die Bauern das Gefühl, sie können ausserhalb der Bauzonen machen, was sie wollen. Sie bauen riesige Gewächshäuser oder Ställe für 40000 arme Küken, ohne Rücksicht auf die Landschaft. Sie tun so, als ob Landschaft endlos zur Verfügung stünde. Das wundert mich, denn wer, wenn nicht sie, leben von Landschaft?

Die Diskussion um die Zersiedelung ist alt, passiert ist bis heute aber nicht viel.

Nein, es ist wirklich nicht viel passiert. Das Drama der Planung ist, dass der gröbste Unverstand immer nur durch scharfe Initiativen abgebremst werden kann. Beispielsweise die 2012 vom Stimmvolk angenommene Zweitwohnungs-Initiative, diese verlangt, den Anteil solcher Wohnungen auf 20 Prozent zu beschränken.

Warum ist es so schwierig?

Schuld an der Zersiedelung ist eine lange Kette von Interessen. Wir sind alle daran beteiligt, weil wir unsere Ansprüche parallel zum wachsenden Wohlstand nach oben schrauben. Dennoch sind nicht alle gleich. Ausserhalb der Bauzonen haben die Bauern grosse Freiheit und wollen noch mehr. Sie sind wenige und haben viel Einfluss. Auch die, die gut verdienen, sind gut an der Kette beteiligt: Die Bodenbesitzer und -händler, die Architektinnen, die Baumeister und -gewerbler.

Gestiegen ist auch der Platzbedarf. Wir leben in immer grösseren Wohnungen.

Vor 30 Jahren, als wir mit «Hochparterre» angefangen hatten, lag die durchschnittliche Wohnfläche pro Person bei etwa 35 Quadratmetern. Heute bewohnen wir in der Schweiz im Durchschnitt bereits 45 Quadratmeter pro ­Person.

Wie würden Sie die Schweiz als grossen urbanen Raum beschreiben? Was beobachten Sie da?

Mich faszinieren die Bandstädte. Ich nehme nochmals das Rheintal als Beispiel. Bis vor einigen Jahrzehnten war das eine dörfliche Umgebung. Die über 70 Dörfer wachsen nun zu einer Bandstadt zusammen. Die neuartige Stadt fängt im Domleschg im Bündnerland an, geht über Chur weiter ins Sarganserland über das St. Galler Rheintal bis zum Bodensee. Zu dieser urbanen Region gehört auch das Fürstentum Liechtenstein sowie das angrenzende Vorarlberg. Das ist eine Bandstadt von europäischem Format – wirtschaftlich hoch leistungsfähig. Sie wird noch zu wenig als zusammengehörige Stadt gesehen und weitergebaut.

Wo gibt es noch weitere Bandstädte in der Schweiz?

Ähnlich ist die Situation im Oberwallis zwischen Visp und Brig. Solche Orte haben eine ganz eigene Ausformung und Dynamik. Das grösste Städteband der Schweiz verläuft jedoch zwischen dem Bodensee und St. Gallen über Zürich und Bern bis in die Westschweiz.

Wo sehen Sie da die Herausforderungen?

Wie wir in Zukunft den Verkehr bewältigen, der in diesen Bandstädten oft noch stark auf das Auto ausgerichtet ist, obschon die SBB und Busunternehmen vieles unternehmen, um die Bandstädte lebenswert zu machen.

Aber die Schweiz, ja die gesamte Welt ist doch auf das Auto ausgerichtet.

Natürlich hat das Automobil viel Einfluss auf die Gestaltung des öffentlichen Raums. Es ist gross, schwer, braucht Platz, und viele Leute haben es sehr gerne. Doch die Kritik am Auto wächst, es ist ein grosser Klimasünder, und es braucht zu viel Raum. In einer Stadt wie Zürich hat mehr als die Hälfte der Einwohner kein Auto, die Politik entdeckt Velofahrerinnen und Fussgänger, in einer Art, die es vor 30 Jahren noch nicht gegeben hat.

Reden wir über Schweizer Grossstädte. Welches ist aus Ihrer Sicht als Architekturkritiker eines der interessantesten Bauwerke der Schweiz?

Mir gefällt der Hauptbahnhof Zürich gut. Es ist erstaunlich, wie leistungsfähig diese Architektur ist, für die täglich Zehntausenden Menschen, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Stadt kommen und am Abend wieder nach Hause fahren. Der HB ist auch ein Beweis für Wert und Güte des öffentlichen Verkehrs in der Schweiz. Es ist auch beispielhaft, wie im HB alte Architektur und neue Bauten zu einem guten und schönen Ensemble zusammenfinden.

Wie verändert der Klimawandel die Architektur?

Es ist bemerkenswert, wie das Bewusstsein für Energie und den Umgang mit ihr die Architektur in den vergangenen 30 Jahren verändert hat. Ich denke etwa an Minergie, die fast selbstverständlich geworden ist. Gute Architektinnen und Bauherren können heute Neubauten ohne fremde Energie heizen oder kühlen. Einige produzieren sogar Strom für andere mit ihrem Haus, ob gross oder klein. Das ist eine grosse kulturelle und politische Leistung. Auch die Architekten, Ingenieurinnen sowie alle beteiligten Handwerker sind gestalterisch und fachlich auf einem ganz anderen Stand als noch vor zwanzig Jahren. Dennoch sind noch einige Fragen offen.

An welche Fragen denken Sie?

Beispielsweise an die Verbindung von Architektur mit Wasser und Pflanzen. Begrünung der Dächer, Begrünung der Fassaden und der Aussenräume. Landschaften bauen eben. Aber auch ein klügerer Umgang mit den Materialien ist wichtig. In den vergangenen Jahren wurde zum Beispiel viel mit grossen Glasflächen gebaut. Glas erhöht das Klima und ist schlecht für das Wohlbefinden im heisser werdenden Sommer. Kurz – Bauten müssen klimaverträglicher werden ...

... klimaverträglich auch im Aussenraum, dort, wo sich Menschen begegnen und aufhalten.

Ja, es muss für Menschen im knapper werdenden Raum neue Landschaft geschaffen werden, damit die heisser werdenden Sommer gut erträglich sind. Landschaft ist das Thema der Zeit. Vor 30 Jahren hatte der Beruf des Landschaftsarchitekten noch nicht die Bedeutung, die er heute hat. Bei heutigen Architekturwettbewerben ist der Einbezug eines Landschaftsarchitekten oft Pflicht. Gut so. Das Bewusstsein über den Wert der grünen Stadt steigt.

In welcher Schweizer Stadt gibt es bereits jetzt viel Natur?

Genf ist die grünste Stadt der Schweiz. Etwa 16 Prozent der Stadtfläche fallen auf Wald, Gärten und Wiesen. In Zürich und St. Gallen liegt der Grünbestand bei etwa 13 Prozent, am Schluss liegt Lugano mit 7 Prozent.

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