Mexico als Ikea-Zimmer

Mit der ersten Opernpremiere gingen die Salzburger Festspiele richtig los. Mit Wolfgang Rihms «Die Eroberung von Mexico» mutet man dem Publikum zum Auftakt einen Brocken zu.

Tobias Gerosa
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Fast kann man froh sein, dass György Kurtag mit seiner lange (auch schon mehrfach für Zürich) angekündigten Beckett-Oper «Endspiel» nicht fertig wurde. So kommt Wolfgang Rihms 1992 uraufgeführte «Eroberung von Mexico» zu einer eindrücklichen Neuinszenierung bei den Salzburger Festspielen.

Das Stück packt mit seiner musikalischen Suggestion, passt hervorragend in die Felsenreitschule und mit Ingo Metzmacher, der schon dessen Uraufführung in Hamburg einstudiert hatte, leitet ein ausgewiesener Könner das engagierte ORF-Radio-Symphonieorchester Wien. Via Lautsprecher, über die der Chor eingespielt wird, und drei Plattformen für Schlagwerker und Bläser links, rechts und hinten wird das Publikum in ein Klangbad involviert, das im zärtlich Leisen wie im Entfesselten fasziniert. Rihms Musik verwirrt, packt unmittelbar und lässt Gegensätze aufeinanderprallen.

Einsamer trifft Mauerblümchen

Im Stück, das auf einem Text des surrealistischen französischen Theatertheoretikers Antonin Artaud basiert, treffen der spanische Eroberer Cortez und der aztekische Herrscher Montezuma aufeinander. Peter Konwitschny (der das Stück erst ein paar Monate vor der Premiere übernahm) nimmt den textlich und musikalisch refrainartig wiederkehrenden Gegensatz «neutral – weiblich – männlich» zum Ausgangspunkt seiner eindringlichen szenischen Interpretation.

Wie Echsenaugen leuchten auf Johannes Leiackers Autofriedhof die Scheinwerfer im unwirtlichen Dunkeln. Als keimfrei weisse Insel schwimmt darauf Montezumas Ikea-Wohnung. Angela Denoke ordnet darin die Fransen des Teppichs und die Bücher, denn es wartet mit einem Rosenstrauss Bo Skovhus als Cortez: Eine Eroberung steht an. Sie ganz in Weiss, er ganz in Schwarz. Ein Mauerblümchen und ein «lonely wolf». Er mit skandierten Worten, sie mit langen Melismen (dreistimmig, denn Montezuma ist durch zwei konzertante Frauenstimmen im Orchester multipliziert).

Plakativ, aber anregend

Konwitschny inszeniert das Aufeinanderprallen gegensätzlicher Erwartungen als Beziehungsgeschichte: Statt Spanier und Mexikaner Mann und Frau, Häuslichkeit und Getriebensein, Geilheit und Geborgenheit, männlich und weiblich. Die Gesellschaftskritik ist intelligent plakativ, wenn Cortez einen Sportwagen anstelle der Muttergottes präsentiert und Montezuma vor den nackten Goldmädchen, in die Konwitschny die stumme Übersetzerin Malinche verwandelt, in den Zuschauerraum flieht. Um den besten Plätzen an den Kopf zu werfen, «ihr seht nur Gold, wie hungrige Schweine wühlt ihr nach Gold». Sie wird noch plakativer, wenn als Vermittlung aus der Beziehung von Cortez und Montezuma zu ihrem Schrecken «ein Neutrum» einsteht in Form von Handys und Tablets, in deren Game-Welten alle ausser Montezuma versinken. Noch eine Eroberung, die Krieg gebiert?

Die Inszenierung wirkt den vokal wie szenisch fulminanten Hauptdarstellern Skovhus und Denoke auf den Singschauspieler-Leib geschneidert und holt die Themen Artauds und Rihms ins Konkrete. Sie deutet ohne zu doppeln, aber immer anregend. Uneingeschränkter Jubel.