Nathalie Schmid lässt sich vom Mundartwort Gorps zu einer makabren Geschichte inspirieren

Vom Mundartwörterbuch Hunziker zu Literatur: Die Aargauer Lyrikerin Nathalie Schmid schreibt über eine todbringende Aprikosenwähe.

Nathalie Schmid
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Lyrikerin Nathalie Schmid.

Lyrikerin Nathalie Schmid.

Bild: Sandra Ardizzone

Mundartprojekt

Hunziker 2020

In unserer Mundartserie lassen sich Aargauer Schriftstellerinnen und Schriftsteller von Mundartbegriffen zu eigenen literarischen Mundarttexten inspirieren. Die Serie ist ein Teil des Digitalisierungsprojekts des Aargauer Wörterbuchs von Jakob Hunziker. www.hunziker2020.ch Sponsor Die Mundartserie wird unterstützt von der Neuen Aargauer Bank.

D’Lina setzt of ehrem Setzplatz ond luegt in Räge. Sie süfzget. Ehri Schwegertochter hett sech da Johr ändlich doregsetzt ond de Ahorn pflanzt, dööt, wo d’Lina lieber en nöie Nossbaum gha hätt. Nossböim send ehri Lieblingsböim, grad nach de Chriesiböim - aber ehri Schwegertochter hett e kei Verständnis för söttigi Sache. Ehri Schwegertochter gseht d’ Sache andersch als d’Lina, das esch ehre scho lang klar. Johr för Johr hett d’Lina Tomate pflanzt, a de Südwand, onde bim Rossstall, die chliine, süesse Cherry-Tomätli, wo ehre Sohn bsonders gärn hett. Aber d’ Schwegertochter hett sech emmer nor beschwert, schliesslich sig sie die, wo Sprötzchanne om Sprötzchanne zom Stall abe schleppt. D’Lina hätt das wörklech gärn sälber gmacht, das cha me ehre glaube, aber mett em Rollator cha me eifach e kei Sprötzchanne meh schleppe.

Sie süfzget no einisch, damol chli luuter. Sie dänkt a ehri Fröndin, d’ Emma, wo hött vorere Woche bi ehre z’Bsuech gsi esch. D’ Lina hett ehre aaglüüte, sie söll doch weder mol verbii cho, sie heig en Aprikosewäie bache. Ehri Gfrüüri esch no voller Fröcht, aber d’ Lina esst e kei Wäihe elleige. Ond ehri Schwegertochter hett ehre vor es paar Johr mettteilt, sie wöll ned so vell Süesses onder de Woche för sech ond ehri Familie.

D’Emma esch echli vergässlech worde, aber de Wäg zo de Lina hett sie emmer no tipptopp gfonde, sie wohnt jo au scho sett öber sächzg Johr of de andere Siite vo de Hauptstross.

D’ Lina hett de Tesch schön vorbereitet gha, mett emene rechtige Teschtuech ond Stoffserviette ond chliine Chuechegable. Sie hett d’ Emma grad wölle froge, ob sie lieber Kafi oder Tee möcht, do hett die sech doch mett emene luute Gorps öber de ganz Tesch erbroche.

«Jesses» hett d’Lina grüeft, well es esch e grossi Mängi gsii, wo do os erere Fröndin usecho esch. D’ Emma esch wienes Hüüfeli Eländ of ehrem Stuehl gsässe. Träne send ehre d’ Bagge abe ond öber die schön Bluse gflosse. Roti Brocke vo öppis, wo wahrscheinlich emol Tomate gsii send, händ a ehrem Cheni gchläbt.

«Ich hol der e fröschi Bluse», hett d’ Lina gseit, «ond denn gohsch hei ond leisch di of ‘s Bett. Vorhär lüütisch no em Viktor a und seisch ehm Bscheid, damet er ofem Heiwäg schnäll bi der verbii luegt. Ich kömmere mech om alles do. Mach der e kei Sorge.»

Aber zo dem Ziitpunkt esch ehri Fröndin scho voröbere gsonke gsii, esch mett em Chopf of d’ Teschplatte gheit, d’Arm händ läblos näb em Körper abebambelet.

Geschter esch d’ Beärdigung gsi ond d’Lina hett mett emene Bochszwiigli Weihwasser of de Sarg abe gschöttlet, während ehri Schwegertochter de Rägescherm öber sie dröber ghebt hett.

S’ rägnet emmer no. D’ Lina weiss jetzt, dass trotzdem en Nossbaum ane muess, eine för d’ Emma. Schliesslich hett’s onde a de Südsiite vom Rossstall jetzt Platz, dööt wo ame d’ Tomate gsii send. Gege da werd wohl niemmer öppis z’säge ha.