Metapher ohne Hall

Mit «Heimatland» und «Als die Sonne vom Himmel fiel» haben zwei Schweizer Filme Premieren am Filmfestival Locarno gefeiert.

Andreas Stock
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Flucht aus der Schweiz – der Spielfilm «Heimatland» führt zu einer paradoxen Situation. (Bild: pd)

Flucht aus der Schweiz – der Spielfilm «Heimatland» führt zu einer paradoxen Situation. (Bild: pd)

Es braut sich was zusammen in der Schweiz. Eine dunkle Wolke wird innert Stunden grösser und bedrohlicher. Sie weitet sich bis an die Landesgrenzen und droht als verheerender Sturm das Land zu zerstören. Die Gefahr in «Heimatland», dem Genre des Katastrophenfilms entliehen, bestimmt die düstere Stimmung dieses Films, realisiert von zwei Regisseurinnen und acht Regisseuren aus der Deutsch- und Westschweiz. Zusammen wollten sie ein engagiertes Statement «gegen die Isolation des Landes und seiner Menschen» realisieren, wie sie sagen.

Bedrohliche Atmosphäre

Eine junge, vielversprechende Generation, die sich gemeinsam mit ihrer Heimat beschäftigt, die ihrer Diagnose der Vereinzelung den kreativen Prozess in der Gruppe gegenüberstellt, das verdient Respekt und ist ein würdiger Schweizer Vertreter im internationalen Wettbewerb von Locarno. Obwohl man sich wünschte, «Heimatland» hätte einen mehr überzeugt.

Bedingt durch die vielen Beteiligten, die jeweils eine Geschichte beigetragen haben, die im Schnitt miteinander verbunden wurden, ist dies ein episodischer Film, der zahlreiche Figuren vereint, die teils skizzenhaft bleiben. Die bedrohliche Atmosphäre, die evoziert wird, erinnert ein wenig ans Genre des Katastrophen-Kinos, doch ebenso an einen Episodenfilm wie «Magnolia». Denn auch bei Paul Thomas Anderson ging es unter anderem um die Vereinzelung einer Gesellschaft und eine Atmosphäre der Verunsicherung.

In «Heimatland» – der Titel lässt sich durchaus als Fluch lesen – entwickelt sich das Gesellschaftsbild allerdings eher mit breitem Pinselstrich und wenig Zwischentönen. Und was facettenreich verschiedene Tonlagen anklingen lassen soll, wirkt eher zu uneinheitlich. Das Drama in der Episode um eine Polizistin, die unter Schuldgefühlen zerbricht, kratzt sich heftig an der ruppigen Groteske, die sich im Innerschweizer Dorf mit einer rechtskonservativen Bürgerwehr abspielt.

Kein Manifest

Sie hätten keinen Film machen wollen, der nur Spass macht oder als Manifest daherkomme, sagte der Co-Initiant des Projekts, Michael Krummenacher in Locarno, sondern Geschichten erzählen wollen, die sie beschäftigen. Die Ernsthaftigkeit, mit der man sich hier an ein Experiment mit frischen Gesichtern gewagt hat, scheint aber gerade unter diesem Entscheid zu leiden. Denn provokativer Biss oder ein ironisch-satirischer Blick auf die Schweiz, wie ihn Daniel Schmid in «Beresina» oder Simon Baumann und Andreas Pfiffner mit «Image Problem» (2012) zeigten, hätten womöglich die Irritation oder den Nachhall bewirkt, den man sich nach «Heimatland» wünschte.

Letzte Zeugen aus Hiroshima

Mit dem Dokumentarfilm «Als die Sonne vom Himmel fiel» feierte im Programm der «Kritikerwoche» ein weiterer Schweizer Beitrag seine Premiere. Zum Gedenken an die 70 Jahre seit den Atombomben auf Hiroshima und Nagasaki war wieder viel darüber zu sehen und lesen. Für die in Japan geborene Schweizer Filmemacherin Aya Domenig stand am Anfang privates Interesse, sich damit zu befassen: Ihre Grosseltern waren von der Bombe auf Hiroshima betroffen.

Neben der Grossmutter stellt die 45jährige Filmemacherin zwei weitere beeindruckende Menschen ins Zentrum ihres berührenden Films: Den Arzt Shuntaro Hida und die Krankenschwester Choziko Uhida. Sie waren wie Domenigs Grossvater am Rotkreuz Spital Hiroshima tätig. Hida ist der letzte lebende Arzt, der von den Erlebnissen noch berichten kann. Trotz seiner 95 Jahre redet der Kritiker und Mahner unermüdlich vor Journalisten und in Reden über die Gefahren der Radioaktivität. Die jährlichen Gedenkfeiern nennt er «verlogen», weil es bis jetzt keine Aufarbeitung gegeben habe. Die Langzeitschäden durch die innere Verstrahlung würden noch immer negiert. Familienmitglieder von Strahlenopfern schweigen, weil sie ansonsten selbst heute noch Mühe hätten, heiraten zu können.

Weil Aya Domenig im März 2011 für die Dreharbeiten in Japan weilte, als sich der verheerende Störfall im Atomkraftwerk Fukushima ereignete, lässt das den eindrücklichen Film dann noch einen brisanten Bogen in die Gegenwart spannen.