Messies unter sich

Auf ihrer Tour schliefen We Invented Paris über Imbissläden und in Hausbooten. Trotzdem ist nun das erste Album des Basler Künstlerkollektivs erschienen.

David Gadze
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Einer muss es tun: Flavian Graber ist der Kopf von We Invented Paris, doch zählt er auf sein Kollektiv, um unabhängig zu bleiben. (Bild: pd)

Einer muss es tun: Flavian Graber ist der Kopf von We Invented Paris, doch zählt er auf sein Kollektiv, um unabhängig zu bleiben. (Bild: pd)

Schon seit Juni letzten Jahres schlummerte das Début von We Invented Paris vor sich hin, aber erst jetzt ist es erschienen. Warum hält man ein Album so lange unter Verschluss? «Statt eine Platte herauszugeben, für die sich niemand interessiert, wollte ich die Leute auf meine Musik aufmerksam machen und so viel wie möglich live spielen», sagt Bandkopf Flavian Graber. Mit Erfolg: Schon bald wurde man in Deutschland auf die Band aufmerksam, was We Invented Paris Konzerte im Vorprogramm von Kettcar oder The Pains Of Being Pure At Heart und schliesslich einen Deal mit Motor Entertainment einbrachte.

Mehr als eine Band

Flavian Graber begann sein Musikerdasein vor ein paar Jahren als Singer/Songwriter. 2009 veröffentlichte er die EP «Coffee Poetry», ehe er vor etwas mehr als einem Jahr praktisch in Eigenregie das Début von We Invented Paris einspielte. «Ich merkte, dass den Songs etwas fehlt, dass sie eine Entwicklung brauchen», so der Sänger und Gitarrist. Also versammelte er Freunde um sich, um den Sound auf die Bühne zu bringen. So entstand dieses Künstlerkollektiv, das nach wie vor unabhängig ist und sich praktisch um alle Belange selbst kümmert, von der Musik über die grafische Umsetzung und videotechnische Dokumentation bei Konzerten bis zur Tourplanung.

Staubsaugen morgens um drei

Wenige Wochen nach der Gründung packten We Invented Paris ihre Koffer und stürzten sich ins Abenteuer. Bis im Sommer hatten sie über 80 Konzerte in Deutschland, Österreich, Belgien, Holland und der Schweiz absolviert, eine weitere Tour ist soeben zu Ende gegangen. Anfangs spielten sie in Wohnzimmern, Geschäften und Fussgängerzonen und suchten die Schlafplätze über Couchsurfing. «Einmal überliess uns der Besitzer eines Hausboots seine Wohnstätte», erzählt der Mittzwanziger. «Ein anderes Mal landeten wir bei einem Messie, der direkt über einer Imbissbude wohnte. Unser Zimmer hatte keine Fenster», sagt Graber. «Um in die Wohnung zu gelangen, musste man durch die Küche der Imbissbude gehen, von wo aus auch der ganze Gestank in die Wohnung strömte. Und um schlafen gehen zu können, musste ich um drei Uhr morgens zuerst staubsaugen, weil alles so dreckig war.»

Die Songs neu erfinden

Anders als etwa Get Well Soon, wo Konstantin Gropper die künstlerischen Fäden fest in der Hand hält, ist We Invented Paris ein weitaus offeneres Kollektiv. Zwar ist Graber Kopf und Gehirn der Gruppe und entwirft das Material praktisch im Alleingang. In der wechselnden Besetzung sollen die Songs jedoch «neu erfunden» werden. Diese stetige Bewegung, das Gefühl, die Stücke offenbarten einem bei jedem Hören ein neues kleines Geheimnis, findet man auch auf dem selbstbetitelten Début, einer sehr runden, sehr organischen und sehr gewachsenen Platte.

«Melancholische Lebensfreude»

Das Album «We Invented Paris» ist eine wunderbare Sammlung von Indie-Pop-Perlen, die sich oft um die Liebe drehen, aber auch etwas sehr Sehnsüchtiges verströmen. «Wir bezeichnen es als <melancholische Lebensfreude>», so Graber, dessen facettenreiche Stimme die tragende Säule dieses anschmiegsamen Sounds ist. Die Songs überzeugen mit einnehmender Intensität, etwa das trunkene «Bohème», das herzergreifende «A View That Almost Kills», die Single «Iceberg» oder das sakrale «Kyrie». «Dieser Song stammt aus einer Phase, wo ich nicht so recht mit der Gegenwart und dem Leben klarkam und lieber in der Vergangenheit verweilte oder an die Zukunft dachte», erklärt Graber. «Kyrie eleison» («Herr, erbarme dich») sei eine Art Weckruf gewesen, im Hier und Jetzt Fuss zu fassen. Die Zukunft bleibt aber weiterhin ein Thema. Denn einige Songs des nächsten Albums sind so gut wie fertig.

We Invented Paris: We Invented Paris (Spectacular Spectacular/Irascible)

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