Menschlichkeit gewinnt

Locarno Mit Paul Rinikers «Sommervögel» ist am Samstag das 63. Filmfestival von Locarno zu Ende gegangen. Der «Goldene Leopard» geht an China.

Andreas Stock/Locarno
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Siegerfilm «Winterferien» von Li Hongqui: Junge Chinesen ohne Zukunftsperspektive in der Provinz. (Bild: outnow)

Siegerfilm «Winterferien» von Li Hongqui: Junge Chinesen ohne Zukunftsperspektive in der Provinz. (Bild: outnow)

Mit «Han Jia» («Winterferien») verlieh die fünfköpfige internationale Jury den «Goldenen Leoparden» einem chinesischen Film, der mit zu den zahlreichen Kandidaten auf einen Preis gehandelt wurde. Der dritte Spielfilm des 34jährigen Li Hongqui, der auch als Dichter und Romanautor tätig ist, spielt in einem chinesischen Dorf am letzten Tag der Winterferien. Mit lakonischem Humor dreht sich der Film in streng komponierten, langen Einstellungen um ein paar gelangweilte Teenager.

Es ist ein ereignisloser Tag in einer beinahe leblosen Wohnsiedlung; die Menschen scheinen lethargisch und schweigen sich die meiste Zeit an. «Han Jia» erhielt auch den Fipresci-Preis der Jury der Filmkritiker.

Darstellerpreise überraschen

Mit dem Spezialpreis der Jury wurde «Morgen» ausgezeichnet. Der 34jährige Rumäne Marian Crisan erhielt zudem den Preis der ökumenischen Jury, den dritten Preis der Jugendjury sowie den Preis der Filmclubs und nicht kommerziellen Kinos und ist der eigentliche Gewinner des Festivals.

Crisan erzählt mit feinem Humor von einem Mann, der im rumänisch-ungarischen Grenzgebiet auf einen türkischen Flüchtling trifft. Der liebevolle Blick auf die Flüchtlingsproblematik handelt von menschlicher Nähe und Verständigung über viele Grenzen hinweg. Die Auszeichnung für die beste Regie ging an den Kanadier Denis Coté fürs Drama «Curling»; den Regiepreis hatte Coté in Locarno auch 2008 für «Elle veut le chaos» erhalten.

Weil es ein ausgeglichener Wettbewerbs-Jahrgang war, lassen sich die Hauptpreise der Jury vertreten. Eher überraschend sind die Darstellerpreise an Emmanuel Bilodeau in «Curlin» und für Jasna Duricic im serbischen Film «Beli beli svet». Andere schauspielerische Leistungen waren beeindruckender und prägten die jeweiligen Filme stärker. Weder die internationale Jury mit dem Schweizer Regisseur Lionel Baier noch die weiteren Juries fanden die Schweizer Beiträge «Songs of Love and Hate» sowie «La petite chambre» preiswürdig.

Der sechsstündige chinesische Dokumentarfilm «Karamay» erhielt zwei lobende Erwähnungen sowie den ersten Preis der Jugendjury.

Eran Riklis gewinnt erneut

Regisseur Eran Riklis hat für sein humanistisches Roadmovie «The Human Resource Manager» den Publikumspreis der Piazza Grande gewonnen. Dies ist die zweite Auszeichnung des israelischen Regisseurs in Locarno: Das Piazza-Publikum hatte ihn 2004 auch für seinen Film «The Syrian Bride» einen Preis verliehen.

Eine ungewöhnliche Liebe

Der Abschlussfilm vom Samstagabend kann nicht mehr für den Publikumspreis berücksichtigt werden, ansonsten hätte «Sommervögel» von Paul Riniker durchaus Chancen haben können. Riniker, für einfühlsame TV-Dokumentationen bekannt, durfte mit seinem Spielfilmerstling das Festival beschliessen.

«Sommervögel» ist eine märchenhafte, sommerlich-luftige Geschichte über die ungewöhnliche Liebe, die sich zwischen einem Biker und einer geistig leicht behinderten Frau entwickelt.

Paul Riniker wagt sich an ein heikles Thema, dem er sich ernsthaft, aber unverkrampft und ohne Berührungsängste annähert; er umschifft zahlreiche Klippen mit Feingefühl sowie Witz, unterstützt von den Hauptdarstellern Sabine Timoteo und Roeland Wiesnekker. Gar vor einem Happy End in Hollywood-Manier scheut Riniker nicht zurück, was seinen charmanten Film zu einem schönen Abschluss im Piazza-Programm machte.

Kaum Überragendes

Der für sein erstes Festival viel gelobte neue Leiter Olivier Père präsentierte auf der Piazza mehrheitlich solides, aber selten begeisterndes europäisches Kino. Eine überraschende Entdeckung bot nur die abstrus-witzige Horrorfilm-Persiflage «Rubber» um einen alten Autoreifen, der zum Killer wird. Es war der originellste Beitrag in einer Reihe von Horror- und Monstergeschichten, die dieses Jahr auf der Piazza zu sehen waren.

Einen Leoparden für Li Hongqui. (Bild: ky/Jean-Christophe Bott)

Einen Leoparden für Li Hongqui. (Bild: ky/Jean-Christophe Bott)

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