Menschliche Wärme

LESBAR RUSSLAND Als 16-Jähriger dient Gaito Gasdanow (1903–1971) auf einem Panzerzug auf der Krim. Mit zwanzig geht er mittellos ins Exil nach Paris und arbeitet später beim amerikanischen Sender Radio Liberty.

Merken
Drucken
Teilen
Gasdanow_23853_MR.indd

Gasdanow_23853_MR.indd

LESBAR RUSSLAND

Als 16-Jähriger dient Gaito Gasdanow (1903–1971) auf einem Panzerzug auf der Krim. Mit zwanzig geht er mittellos ins Exil nach Paris und arbeitet später beim amerikanischen Sender Radio Liberty. Mit dem Satz «Von allen meinen Erinnerungen, von all den unzähligen Empfindungen meines Lebens war die bedrückendste die Erinnerung an den einzigen Mord, den ich begangen habe», beginnt Gasdanow den Roman «Das Phantom des Alexander Wolf». Der 31jährige Ich-Erzähler, ebenfalls russischer Exilant, wird von der Erinnerung gequält, bis er ein Buch von Alexander Wolf in die Hand bekommt, in dem die Umstände des «Mordes» genau beschrieben sind. Also muss der Totgeglaubte leben! Gasdanows Roman erschien 1947 in New York. Jetzt ist das glänzend komponierte Prosastück über Tod, Schuld und Liebe erstmals auf Deutsch erschienen. Im zarten Gewebe dieses metaphysischen Thrillers bleibt eine menschliche Wärme bewahrt. Rosmarie Tietze hat brillant übersetzt und Parallelen zum russischen Exilanten Nabokov und zum französischen Existenzialisten Camus erkannt.

Gaito Gasdanow: Das Phantom des Alexander Wolf, Hanser 2012, 192 S., Fr. 25.90

Phantastische Irrfahrt

In einer Szenerie des 19. Jahrhunderts – schon Puschkin schrieb eine Erzählung mit dem Titel «Schneesturm» – versteckt Vladimir Sorokin eine Reflexion der Gegenwart und Zukunft. Ein Landarzt (Anspielung auf Tschechow) will Medikamente in ein abgelegenes Dorf bringen, weil dort eine Epidemie wütet. Er benötigt dazu eine Kutsche. Diese wird von 51 Minipferden gezogen, weil Treibstoff fehlt. Im einsamen und verzauberten Wald bleiben sie stecken. Es begegnen ihnen Zwerge und Drogenkuriere, und als die «Kutsche» endlich im Dorf ankommt, erwarten sie nicht die Kranken, sondern Chinesen und ein riesiger Apfelschimmel. Ein Bild für das Machtverhältnis zwischen Russland und China? «Der Schneesturm» ist ein riesiges Lesevergnügen. Sorokin, Putin-Kritiker und Kultfigur in Russland, hat zu feiner Ironie gefunden.

Vladimir Sorokin: Der Schneesturm, Kiepenheuer & Witsch 2012, 207 S., Fr. 26.90

Erika Achermann