Menschen statt Paragraphen

Paul Grüninger wird am Theater St. Gallen in einem Jugendstück neu entdeckt. Die Geschichte des Flüchtlingshelfers überzeugt über weite Strecken – doch keineswegs immer. Rolf App

Drucken
Teilen
Viele suchten bei ihm Hilfe: Matthias Albold als Polizeikommandant Paul Grüninger. (Bild: Theater St. Gallen/Tine Edel)

Viele suchten bei ihm Hilfe: Matthias Albold als Polizeikommandant Paul Grüninger. (Bild: Theater St. Gallen/Tine Edel)

Grüninger, Paul. Geboren am 27.10.1891 in St. Gallen, gestorben daselbst am 22.2.1972. Sohn eines Tapezierermeisters und späteren Zigarrenhändlers. Absolviert das Lehrerseminar in Rorschach, arbeitet als Primarlehrer, wird 1919 Leutnant und 1925 Hauptmann des Landjägerkorps St. Gallen und damit kantonaler Polizeikommandant. «G. rettete viele hundert (nach anderen Schätzungen über 3000) jüdische und andere Flüchtlinge vor nationalsozialistischer Verfolgung, indem er sie auch nach der vom Bundesrat am 19.8.1938 erlassenen Grenzsperre im St. Galler Rheintal in die Schweiz einreisen liess. Dabei bediente er sich auch illegaler Methoden (u. a.Vordatierung von Einreisen vor dem Grenzsperreerlass).»

Gestorben in Armut

So beschreibt das Historische Lexikon der Schweiz den Mann, um den es an diesem Theaterabend in der St. Galler Lokremise geht. 1939 wird Grüninger von der Regierung seines Amtes enthoben, im Jahr darauf vom Bezirksgericht wegen Amtspflichtverletzung und Urkundenfälschung verurteilt. Seine Rehabilitierung hat Grüninger nicht mehr erlebt, gestorben ist er in Armut.

Ein Mann zwischen Amtspflicht und Gewissen. «Vor der Menschenpflicht müssen Paragraphen zurückstehen», sagt Matthias Albold, der ihn mit sehr zurückhaltender Gestik darstellt. Denn dieser Paul Grüninger ist ein Held, der niemals wie ein Held hat wirken wollen.

Reich dokumentiert

«Szenisches Dokument» nennen Elisabeth Gabriel und Nina Stazol, was sie mit sieben Schauspielern und zwei Laiendarstellern vor der kargen Kulisse eines verschneiten Bergmassivs inszeniert haben. In deren Mitte befindet sich eine Tür, die immer wieder mal offen steht. Dann weht kalte Luft herein, man blickt auf dunkle Silhouetten im Schnee und auf den Zaun, der die Lokremise umgibt. Es könnte auch ein Grenzzaun sein. Und tatsächlich: Flüchtlinge huschen herein und werden erwischt – oder auch nicht.

Dem Spiel zugrunde liegt immens viel Material: Stellungnahmen von Paul Grüninger selbst, Protokolle, Erinnerungen, Briefe – und die Grüninger-Bücher von Stefan Keller, Jörg Krummenacher und Wulff Bickenbach. All dies fliesst ein in rasch wechselnde Spielszenen, in denen die Schauspieler – Diana Dengler, Meda Gheorgiu-Banciu, Silvia Rhode, Matthias Albold, Sven Gey, Christian Hettkamp, Thea Weder und Denis Cvetkovic – in immer neue Rollen schlüpfen. Wobei Albold als Grüninger und Hettkamp als – im schneidigen Auftreten doch zu sehr den Nazis angenäherter und so zur Karikatur entstellter – Fremdenpolizei-Chef Heinrich Rothmund den zentralen Gegensatz markieren.

Wer war Paul Grüninger?

«Paul Grüninger – Ein Grenzgänger» firmiert als Jugendstück, ist aber mehr. Dennoch wird gut sichtbar, wie sich Elisabeth Gabriel und Nina Stazol um Verständlichkeit bei einem Thema bemühen, das für jüngere Menschen im Dunkel der Geschichte liegt – und nicht nur für sie.

Wer war Paul Grüninger, werden Passanten zu Beginn des Stücks gefragt. Sie stellen manchmal richtige, oft aber höchst kuriose Vermutungen an, eine Passantin bringt die Problematik auf den Begriff: «Für ein Land ist es schwer, einen Fehler zuzugeben.»

Dann zeichnen Elisabeth Gabriel und Nina Stazol in kurzen Sequenzen die Machtergreifung der Nazis in Deutschland nach, lassen eine immer brutalere Verfolgung der Juden an Einzelschicksalen lebendig werden und beschreiben die Not jener Menschen, die sich nach der Einverleibung Österreichs über die Rheintaler Grenze in Sicherheit zu bringen suchen. Sie brauchen Glück – und Helfer. Bald spricht sich herum, dass Paul Grüninger an entscheidender Stelle sitzt. Er tut viel, um die in Lebensgefahr Schwebenden zu schützen.

Mit der Zeit gerät er in Verdacht. Als Rothmund Grüningers Chef, Regierungsrat Valentin Keel, zum Handeln auffordert, lässt der ihn fallen wie eine heisse Kartoffel – Wahlen stehen vor der Tür. Die Meinungen sind in diesen Jahren sehr geteilt, auch unter den Polizeidirektoren. Rothmund warnt in ihrem Kreis vor einer «Verjudung der Schweiz», Grüninger erklärt, man könne die Rückweisung akut Bedrohter nicht rechtfertigen.

Berührende Schicksale…

«Paul Grüninger – Ein Jugendstück» berührt besonders dort, wo die Flüchtlinge selbst das Wort ergreifen und ihr Schicksal ein Gesicht erhält. Dies geschieht erfreulich oft. Rasch drängt die facettenreiche Handlung vorwärts, in deren Zentrum ein eher wortkarger Mann steht. Die Geschichte trägt, auch dank der Gesamtleistung des Ensembles.

…und ein billiger Kommentar

Sie trägt so gut, dass Elisabeth Gabriel und Nina Stazol sich einiges an Spektakel hätten sparen können. Schon der Einstieg in den Abend mit aktuellen Auseinandersetzungen um die Beschriftung des Grüninger-Stadions und eine Grüninger-Brücke lenkt eher ab vom ernsten Grundthema. Noch stärker tun dies eine pantomimische Darstellung der Berufe, die Paul Grüninger nach seiner Entlassung ausgeübt hat, und die Schlusssequenz mit einer überdrehten Inszenierung all der Ehrungen, die Grüninger viel zu spät erfahren hat.

In allerletzter Sekunde eingeblendet werden Strafbestimmungen, die auch heute noch einen Flüchtlingshelfer bedrohen. Was man damit will, bleibt rätselhaft. Es wirkt es wie ein etwas billiger Kommentar zur Gegenwart.