Im St.Galler Komiktheater verführen Menschen mit Handicap zum Glück

Unter der Leitung von Olli Hauenstein probten die Profischauspieler zwei Jahre für ihre erste Produktion. Das Stück «Glücksentdecker» hat Mitte Januar in der Lokremise St.Gallen Premiere.

Martin Preisser
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Clown Olli Hauenstein mit den Schauspielern Cello, Ella und Nana.

Clown Olli Hauenstein mit den Schauspielern Cello, Ella und Nana.

Bilder: Michel Canonica

Wenn man eine Torte auf die Bühne trage, müsse man sie so tragen, als ob sie eine Million ­gekostet hätte. «Die Torte muss ganz gross werden, und ihr müsst auf einer Welle von Glück schweben», ermuntert Clown und Regisseur Olli Hauenstein seine Schauspieler. An diesem Probemorgen sind es Cello, Ella und Nana. So nennen sich die drei mit ihrem Künstlernamen.

Seit drei Jahren arbeitet Olli Hauenstein als künstlerischer Leiter des 2017 neu gegründeten Komiktheaters bei der St.Galler Institution Sonnenhalde-Tandem. Der Clown aus dem thurgauischen Sommeri hat über fünfzehn Jahre Erfahrung in der Arbeit mit Menschen mit Beeinträchtigung. Zuletzt hat er das Publikum mit seiner Produktion «Clown-Syndrom» begeistert, zusammen mit Eric Gadient, der das Down-Syndrom hat. Und in der Produktion «Footit et Chocolate» feierte Hauenstein letzten Sommer am Theater Konstanz Erfolge.

Das Handicap darf auf der Bühne nicht zu spüren sein

«Ich zeige auf der Bühne die Menschen nicht mit ihrem ­Handicap. Spielen sie oder ist es echt? Diese Frage darf beim Publikum gar nicht aufkommen.» Olli Hauenstein weiss, dass seine Schauspieler in einer ganz anderen, ihrer eigenen Welt leben und dass bei Menschen mit ­Beeinträchtigung Realität und Theater sich oft stark vermischen. «Auf der Bühne ist aber reines Theater zu sehen», unterstreicht Olli Hauenstein, der mit seiner Sonnenhalde-Crew seit zwei Jahren an der Produktion «Glücksentdecker» arbeitet. Unterstützt wird er dabei von drei weiteren Fachleuten im ­Bereich Theaterpädagogik und Arbeitsagogik.

Für die vier Schauspieler Manuela Baldinger, Markus Heim, Joanna Rohner und Silas Obertüfer ist es ein grosses Stück Glück, auf der Bühne stehen zu dürfen und das Glück zu suchen. Statt in einer betreuten Werkstatt zu arbeiten, ist ihr Arbeitsplatz das Komiktheater. Neben dem Spiel auf der Bühne lernen sie im Tagesprogramm auch Malen und Tanzen und haben Unterricht in Rhythmik und Sport. «Es ist eine strengere ­Arbeit als in einer Werkstatt, sagt Olli Hauenstein, der sein Quartett fordern muss, ohne es zu frustrieren, und der weiss, dass seine Schützlinge sensibler mit Kritik umgehen als Menschen ohne Beeinträchtigung.

«In gewisser Hinsicht besteht zwischen meinen Schauspielern und meinem Beruf als Clown eine gewisse Verwandtschaft», sagt Olli Hauenstein und erzählt von der Geschichte berühmter Clowns, die Clowns geworden seien, weil sie eine andere Kunst, etwa als Artisten am Trapez, nicht mehr ausüben konnten. Wie etwa der legendäre Charlie Rivel. «Letztlich ­entwickelt der Clown aus einer ­Unfähigkeit ein neues Talent. Seine Rolle ist es, sich mit Tricks durchs Leben zu schlagen und sein Schicksal immer wieder ins Positive zu rücken.»

Im neuen Stück des Komiktheaters wachsen Menschen mit Beeinträchtigung über sich hinaus, entwickeln trotz Handicaps ganz neue Qualitäten. Die Produktion «Glücksentdecker» ist ein offenes Konzept. Regisseur Olli Hauenstein versteht es als eine Art offene Poesie, als eine Folge von Bildergedichten. «Unsere Absicht ist es, mit Bildern und einer speziellen Atmosphäre die Menschen einfach zu berühren.»

Die jeweiligen Talente hervorkitzeln

Das Anspruchsvollste sei es, seine Schauspieler bei der Aufführung zu stützen, ohne dass das Publikum es merke. «Im Zentrum steht, dass ich ihre Talente hervorkitzeln will und mit ihren Qualitäten arbeite. Insofern unterscheidet sich hier die Arbeit überhaupt nicht von der mit professionellen Schauspielern.»

Cello, Ella und Nana freuen sich jetzt schon auf ihren Applaus. Er gibt ihnen ein Erfolgserlebnis, dass sie in einer normalen Werkstatt niemals hätten. «Das Publikum muss spüren, dass es das grösste Glück ist, diese Torte zu haben», ermuntert Olli Hauenstein sein Theaterquartett erneut und probt nochmals die Details der Szene, so dass sie wirklich überzeugt.

Hinweis: Premiere ausverkauft; weitere Aufführungen 17./18.1., 20 Uhr, Lokremise, St.Gallen, danach Tournee in der Ostschweiz.

Stürmische Premiere:Die Clowns blieben im Regen stehen

Zu sehen gab es am Samstag leider nur die Hälfte des clownesken Theaterstücks «Foottit und Chocolat». Ein Sturm beendete die Konstanzer Premiere vorzeitig. Der erste Teil des Stücks macht Lust auf den zweiten. Berührend gehen Zirkus und Theater Hand in Hand.
Martin Preisser