Menschen aus Engelssicht

Zeitgenössische Oper als Erfolgsmodell: George Benjamins «Written on Skin» hat alles, was ein sinnlich-intelligentes Stück ausmacht. Zumal in der Umsetzung durch Nicola Raab, Mirella Weingarten und Otto Tausk am Theater St. Gallen.

Bettina Kugler
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Agnès (Evelyn Pollock) beginnt, ihr Leben selbst zu schreiben – mit dem Boy und Engel (Benno Schachtner). (Bild: Theater St. Gallen/Hans Jörg Michel)

Agnès (Evelyn Pollock) beginnt, ihr Leben selbst zu schreiben – mit dem Boy und Engel (Benno Schachtner). (Bild: Theater St. Gallen/Hans Jörg Michel)

Wenn sie des Nachts nicht schlafen können und mit weit offenen Augen ins Dunkle starren, hört der Protector die Wimpern seiner jungen Frau am Kissen schaben: Klick-klick, wie ein Insekt. Wie ein Insekt flattert und zirpt, trommelt und regt sich auch das Orchester hinter der Szene aus dem suggestiven Libretto von Martin Crimp, das George Benjamin in seiner Oper «Written on Skin» so geistreich wie sinnlich mit Klang illuminiert hat.

Jedenfalls wirkt es so in der Neuproduktion des noch jungen Erfolgsstücks am Theater St. Gallen, mit Chefdirigent Otto Tausk am Pult. Neunzig Minuten lang hält die Musik in Atem, raffiniert instrumentiert, mit Farbwerten alter Musik, Gambe und Laute, mit Sphärenklängen von Glasharmonika und Streichern, gestopften Trompeten, Percussion, Pizzicati. Ein schönes Klanggespinst, das mehrere Zeitebenen durchschimmern lässt und seine Entsprechung in der szenischen Umsetzung findet. Umso einleuchtender erscheint es, dass das Sinfonieorchester St. Gallen im hinteren Teil der Bühne plaziert ist statt im Graben.

Das Buch als Projektionsfläche

Regisseurin Nicola Raab und Ausstatterin Mirella Weingarten haben sich für eine weitgehend abstrakte Lesart der alten Geschichte aus der «vida» des provenzalischen Troubadours Guilhem de Cabestanh entschieden. Das kostbare Buch, von Hand auf Pergament geschrieben – «written on skin» –, um das es im Kern der Oper geht, wird bei ihnen zur Projektionsfläche, zum Spiegelbild der ganzen Welt. Hölle und Himmel inbegriffen.

Im wörtlichen Sinne: Die Bühne ist eine verspiegelte Rampe, über der ein weiterer Spiegel hängt. Die darauf drapierten Menschenkörper, aus denen sich zu Beginn zwei Engelsgestalten lösen, vervielfältigen sich und jede ihrer geschmeidigen Bewegungen ins Unendliche des Universums. Die Engel, Countertenor Benno Schachtner, Mezzosopranistin Theresa Holzhauser und Tenor Nik Kevin Koch, sind treibende Kraft und zugleich stilistisch flexible Zuschauer des Dramas, das in «Written on Skin» aus den Tiefen der Zeit ans Licht geholt wird. Dafür steht zu Beginn das verstörende Bild der Toten «unter den weissen Linien eines Parkplatzes». Zum Beispiel Agnès, zart, intelligent, fast noch ein Kind, verheiratet mit dem Protector, einem Adligen, «süchtig nach Reinheit und Gewalt».

Er fragt nicht, was die Welt kostet – er kauft sie sich. Weidet sich an seiner Macht, holt mit dem Buchmaler den Feind und Nebenbuhler ins Haus. Das Buch, das dieser Boy erschaffen soll, eine Art Heiligenvita und Paradieserzählung mit dem Protector als Zentralfigur, entwickelt eine unvorhersehbare Eigendynamik: So nimmt ein reizvolles Vexierspiels zwischen Erfindung und Wirklichkeit seinen Lauf. Im Spiegel des raffinierten Bühnenbilds auch ein Vexierspiel zwischen zwischen Kammeroper und Welttheater.

Schillernde Figuren

Die drei Hauptrollen sind mit Evelyn Pollock (Agnès), Jordan Shanahan (Protector) und Benno Schachtner (Boy, First Angel) gut besetzt. Evelyn Pollock macht Agnès Entwicklung, das Erwachen ihrer Neugier und ihres Selbstbewusstseins eindringlich hörbar, auch ihr Zerbrechen, als der Protector ihr das Herz des ermordeten Schreibers auftischt. Ihr Sopran trägt unforciert in der Tiefe; in höchster Lage stellt sie extreme Erschütterungen in den Vordergrund, nicht Brillanz.

Luzide, aber nicht verkopft

Jordan Shanahans kerniger, markanter Bariton verleiht dem Protector die nötige Potenz, Countertenor Benno Schachtner spielt sinnlich mit der Ambivalenz seiner Figur und seiner Stimme: auf beeindruckende Weise lässt er den Boy schillern zwischen Mensch und Engel. Zur vierten Hauptfigur wird der stumme Bewegungschor aus mehr als dreissig Statisten. Unter Otto Tausk entfaltet die Partitur die ihr eigene Dringlichkeit und kommt dem Publikum bereitwillig entgegen. Luzide, das ist diese Oper, verkopft keineswegs.

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