Mensch bleiben – mit einem Kellerschatz

«Die meisten Menschen», schrieb Erich Kästner einmal, «legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt.» Oft packen sie dann die Bücher, die sie als Kinder gierig verschlungen haben, in Kartons und stellen sie zum Altpapier.

Bettina Kugler
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book (Bild: Bettina Kugler)

book (Bild: Bettina Kugler)

«Die meisten Menschen», schrieb Erich Kästner einmal, «legen ihre Kindheit ab wie einen alten Hut. Sie vergessen sie wie eine Telefonnummer, die nicht mehr gilt.» Oft packen sie dann die Bücher, die sie als Kinder gierig verschlungen haben, in Kartons und stellen sie zum Altpapier. Aus einer solchen Entsorgungsaktion stammt unser Exemplar von Kästners Roman «Das doppelte Lottchen», gedruckt 1968, 70. Auflage. Mein Vater fischte es vor vielen Jahren im Keller des Mehrfamilienhauses, in dem ich aufwuchs, aus dem Abfall einer Kindheit und rettete es mit etlichen anderen wunderbaren Büchern vor dem Reisswolf. Welch ein Glück!

Ich liebte die Geschichte von Luise und Lotte, die im Ferienheim Seebühl am Bühlsee aufeinander treffen und in den Spiegel zu sehen glauben. Die so verschieden sind – und doch ein Herz und eine Seele. Zwillinge, die zusammen bleiben wollen und den Widerständen der Erwachsenenwelt die Stirn bieten. Keine Ahnung, wie oft ich das Buch gelesen habe, mich direkt ansprechen liess von Herrn Kästner, diesem klugen, zeitkritischen Mann, der seine Kindheit nicht vergessen hatte.

Mein Buch ist zerlesen, ausgebleicht, vergilbt. Aber kein alter Hut! Der beste Beweis für seine zeitlose Passform: Kaum hole ich es aus dem Regal, kommen zwei kleine Mädchen angerannt, kuscheln sich unter die Decke und lassen sich nicht mit nur einem Kapitelchen abspeisen. So viel Zeit muss sein, würde Erich Kästner sagen, und: «Nur wer erwachsen wird und ein Kind bleibt, ist ein Mensch.»

Erich Kästner, Das doppelte Lottchen. Cecilie Dressler Verlag