Mendelssohns «Paulus»- Oratorium

Der Bach-Chor und das Sinfonieorchester St. Gallen führten unter der Leitung von Anna Jelmorini Mendelssohns Oratorium «Paulus» in der Tonhalle St. Gallen auf.

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Ludwig Wittgenstein beschreibt Felix Mendelssohn-Bartholdy als den untragischsten aller Komponisten, als Menschen, der nur lustig ist, wenn alles ohnehin lustig ist, oder gut, wenn alle um ihn gut sind. In der Anpassungsfähigkeit könnte man allerdings auch Mendelssohns Universalität sehen. Er komponiert in 38 Jahren über 700 Werke, wird als Dirigent berühmt und entdeckt das Bachwerk neu. Als Knabe entzückt er Goethe mit seinem Spiel, mit 17 schreibt er die Ouverture zum «Sommernachtstraum». Inbegriff des Romantischen ist Mendelssohn Projektionsfläche vieler Klischees (von der «Engelhaftigkeit» Mozarts bis zur bohrenden Genialität Schumanns wird ihm vieles angedichtet), seine Handschrift bleibt aber ein Geheimnis. Dieses Geheimnis gehütet zu haben, ist ein grosses Verdienst der «Paulus»-Aufführung Anna Jelmorinis.

Kostbare Momente

Ihre Interpretation lässt das Oratorium klingen, ohne die romantischen Klischees zu bedienen oder im Melodischen oder Dynamischen zu übertreiben. Sie lässt das Diskrete zwischen romantischer Expressivität und barocker Polyphonie mäandern. Im Dazwischen generieren der Bach-Chor und das Sinfonieorchester St. Gallen interessante Farbtöne. Komplizierte Fugen, dynamisch gebündelte Ostinati und entrückte Choräle finden in diesem Spiel ein Gleichgewicht.

Bereits im ersten Choral präsentiert der Bach-Chor die Kunst stimmlicher Homogenität und den grossen musikalischen Atem. Das spezielle, gleissende, dann wie durch einen Vorhang abgetönte Licht der Ouverture, die Verve der pointierten Rhythmen im Wechsel mit den lyrischen Passagen (Nr. 5, 6 und 8), die Insel der Ruhe im Choral «Dir, Herr, dir will ich mich ergeben» (Nr. 9) oder die rhythmische Pulsation in den Bass-Arien und Chören (Nr. 18, 20, 26, 29 und 36) – viele solche kostbaren Momente künden von detaillierter Chorarbeit und Jelmorinis tiefer Empfindung für das Werk.

Wandel und Bekehrung

Diskretion und Ergriffenheit verbinden sich im Gesang des Bassisten Wolf Matthias Friedrich. Er artikuliert, erzählt und nimmt Anteil. Jeder Satz wird zur packenden Bibel-Auslegung. Trotz gegensätzlicher Stimmtönung ergänzt der Tenor Christian Zenkers gut. Sein intimer und differenzierter Gesang vermag durch das Orchester zu tragen. Maya Boogs Sopran und teilweise auch die tiefen Chor-Register hingegen leiden unter der Lautstärke des Orchesters, das oft allzu routiniert über die Nuancen hinweg spielt. Im zweiten Teil ist die Balance besser.

Wandel und Bekehrung sind die zentralen Themen des Paulus, der vom Verfolger des Christentums zu seinem Märtyrer wird. Die Konversion der aufgeklärten Familie Mendelssohn ist ohne ihre antisemitische Lebenswelt nicht denkbar. Im Oratorium klingt aber auch die Frage nach, wie fanatisch eine Bekehrung sein darf, die unterschwellige Frage nach Paulus' Märtyreropfer, die – wie viele andere bei Mendelssohn – offen bleibt.

Charles Uzor

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