MEMOIREN: Jean Zieglers Siege und Niederlagen

Der streitbare Genfer Soziologe und Politiker Jean Ziegler kämpft für die Armen und hat Kontakt zu den Mächtigen. Auch Diktatoren hat er getroffen. Wieso er dies tat, ist nur ein Aspekt seines neuen, sehr persönlich gefärbten Buches.

Arno Renggli
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Arno Renggli

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Wenn es um den globalen Klassenkampf und konkret etwa um die Bekämpfung des Hungers geht, muss man sich für eine Seite entscheiden. Dies macht Jean Ziegler deutlich. Er selber hat sich vor langer Zeit entschieden – für die Seite der Armen und Unterdrückten. Und kämpft reisend, verhandelnd, schreibend – kompromisslos, oft polemisch und extrem unbequem, gerade für eine westliche Welt, der es primär um die Sicherung des eigenen Wohlstandes geht.

Im neuen Buch zieht der heute 82-Jährige eine Bilanz über seine gewonnenen und verlorenen Kämpfe, wie er im Untertitel schreibt. Und er wäre nicht Jean Ziegler (der eigentlich Hans Ziegler heisst, doch keine Geringere als die Philosophin Simone de Beauvoir überredete ihn zum Namenswechsel), wenn er dies nicht in markigen Worten tun würde. ­Jedes Thema, jede Person bewertet er unverblümt. Und gerne lässt er sich zu Exkursen verleiten. So ist das Buch eher chaotisch, sehr subjektiv, aber nie langweilig. Gerade anekdotische Abschweifungen zeigen, dass Ziegler viel erlebt und sehr vielen Leuten begegnet ist.

Besuche beim «Grossen Führer», bei Ghadhafi, bei Saddam

Einige von ihnen waren Diktatoren, was Ziegler viel Kritik eintrug. 1978 etwa war er in Nordkorea, weil auf Bestreben ­Chinas «anti-imperialistische» Intellektuelle für eine gewisse Öffnung sorgen sollten. Der Trip war absurd und «völlig sinnlos», wie Ziegler einräumt: Er sei in einer Gästevilla eingeschlossen worden, täglich habe man ihm stundenlange Gräuelfilme über den Koreakrieg gezeigt, um die damalige UN-Militärintervention zu brandmarken. Beim kurzen Treffen mit dem «Grossen Führer» Kim Il-sung habe er wegen einer überforderten Übersetzerin kaum etwas verstanden. «Dabei war mir kaum bewusst, dass ich einem Massenmörder gegenübersass.» Erst später, als er bei der UNO tätig war, habe er das Ausmass der Schreckensherrschaft erfasst.

Den damaligen libyschen Herrscher Ghadhafi hat Ziegler mehrmals besucht. Dieser sei in jener Zeit noch halbwegs vernünftig und als Staatschef interessant gewesen. Erst nach den Attentaten und Bombenangriffen auf ihn habe er allmählich den Verstand verloren, später sei er dement geworden. Trotzdem habe er, Ziegler, wohl zu spät aufgehört, die Einladungen anzunehmen.

Bei Saddam Hussein war Ziegler 1991 als Teil einer Delegation, welche im ersten Irakkrieg westliche Geiseln freikriegen sollte. Ziegler erzählt, wie die Besucher einen mehrstündigen Monolog von Saddam über sich ergehen lassen mussten, dann sei es zu einer «freundschaftlichen Umarmung» mit Saddam gekommen. Und das von dessen Fotografen geschossene Bild sei leider immer noch im Internet unterwegs. Jean Ziegler, der Naive? Bei allem Anspruch, dass er weiss, was richtig oder falsch ist, räumt er immer wieder auch Fehler oder Irr­tümer ein, die ihm unterlaufen seien.

Ein spannendes Kapitel erzählt, wie Ziegler, der im Nahostkonflikt stets auf der Seite der Palästinenser war, im Zuge des Bankenskandals um nachrichten­lose Vermögen dem Jüdischen Weltkongress half sowie vor dem Ausschuss von US-Senator Alfonse D’Amato gegen die Schweizer Banken aussagte. Am Morgen des Abflugs habe ihn Bundesrat Flavio Cotti angerufen und ihn voller Zorn vor diesem «Landesverrat» gewarnt. Später hätten ihn UBS-Aktionäre verklagt, und Carla del Ponte wollte ihn wegen Hochverrats vor Gericht stellen, was dann aber der Bundesrat verhindert habe.

Er liebt die UNO trotz all ihrer Schwächen

Ein grosses Thema des Buches ist die UNO, für die er von 2000 bis 2008 als Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung unterwegs war. Heute ist er Vize­präsident im Ausschuss des UNO-Menschenrechtsrates. Ziegler ist ein ­glühender Verfechter der UNO und ihrer Ideen, ohne ihre Misserfolge zu ver­hehlen. Längere Zitate aus Charta und Zusatzprotokollen wirken etwas schwerfällig. Interessant und oft berührend sind seine eigenen Einsätze und Erlebnisse etwa im Kontext mit dem Völkermord in Ruanda. Und wenn man als Europäer die damalige bestialische Schlächterei als ­afrikanisches Phänomen abtun will, erinnert Ziegler an den Balkankrieg, etwa an Srebrenica. Ziegler zeigt auch auf, dass die UNO bei allen Schwächen täglich kleinere und grössere Erfolge feiert, so im Rahmen des Welternährungsprogramms, das ihm stark am Herzen liegt.

Wie man es von Ziegler kennt, geisselt er die strukturelle Gewalt, welche der industrialisierte Teil der Welt auf die übrige Menschheit ausübt. Zahlen und Fakten erinnern daran, dass wir alle Teil eines Systems sind, das Ungerechtigkeit erzeugt. Er prangert «Geierfonds» an, die meist mit Sitz in Steuerparadiesen, Schuldentitel von armen Ländern zu Dumpingpreisen aufkaufen. Und diese Länder dann mit einem Heer von An­wälten verklagen, damit sie die Titel hundertprozentig begleichen. So werden diese Länder noch mehr in die Verschuldungs- und Armutsfalle getrieben.

Dass «Geierfonds» Menschen töten, zeigt Ziegler am Beispiel von Malawi. Das Land konnte bei einer schlimmen Dürre seine Bewohner nicht ernähren, weil es zuvor eigene Maisvorräte ver­kaufen musste, um nach einem Gerichtsentscheid viele Millionen an einen «Geierfonds» bezahlen zu können.

Im persönlichsten Buchkapitel äussert sich Ziegler etwa zum Thema Tod («Der Gedanke daran zieht mir von Zeit zu Zeit den Boden unter den Füssen weg»), wobei die Endlichkeit auch die Einzigartigkeit jeder Handlung ausmache. Er lebe von Tag zu Tag, habe auch «Ängste um mich und die Meinen». Das Gefühl der Dankbarkeit aber überwiege. «Für das Leben, das mir bislang Krankheit, Einsamkeit, Not und Erniedrigung erspart und so viel Glück beschert hat.»

Unter Glück versteht er auch die Möglichkeit, für seine Überzeugungen einzutreten. Man kann von Jean Ziegler halten, was man will. Ihn zuweilen ­polemisch oder anmassend empfinden. Aber dass er Überzeugungen hat und für sie kämpft, das muss man ihm lassen.

Hinweis

Jean Ziegler: Der schmale Grat der

Hoffnung. C. Bertelsmann,

320 Seiten, ca. Fr. 29.–.