Melancholie und Aufbruch

Im schwedischen Lappland siedelt die St. Galler Autorin Christine Fischer ihre neue Erzählung «Els» an. Im Zentrum steht eine Hüttenwartin zwischen Suche und Ankommen, die in reflexiven Bögen auf das Leben und die Lebensfragen schaut.

Martin Preisser
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Christine Fischer stellt heute in der Hauptpost ihre neue Erzählung «Els» vor. (Bild: Urs Bucher)

Christine Fischer stellt heute in der Hauptpost ihre neue Erzählung «Els» vor. (Bild: Urs Bucher)

Es ist nicht der «grosse» Stoff, die überraschende Handlung, die Christine Fischer zur ihrer neuesten Geschichte führt. In «Els» herrscht die Selbstreflexion der Heldin als roter Faden der Atmosphäre vor. Die Dramatik ist eine innere, von der Melancholie übers Alter zum neuen Aufbruch ins Alter. Die über siebzigjährige Els ist Hüttenwartin auf Hukejaure in Schwedisch-Lappland und nimmt endgültig Abschied von ihrer Hütte, vorerst. Und lässt ihr Leben in eher nachdenklicheren Bildern Revue passieren. Vielleicht spiele ich selber bloss eine Nebenrolle in dem, was ich als mein Leben bezeichne. Vielleicht ist mein eigentliches Dasein etwas Grösseres, Umfassenderes? Etwas Unpersönliches, etwas weitgehend Unbekanntes? Das würde mich entlasten.

Kraft der Landschaft

In «Els» sind die Gedanken der Heldin nicht ohne die Natur zu denken, die sie umgibt. Das Starke, das Magisch-Mythische der schwedischen Fjells, die Kraft und Unnahbarkeit der lappländischen Natur – Christine Fischer beschwört sie immer und immer wieder herauf. Bei diesen Landschaftsschilderungen gelingen der St. Galler Autorin die sprachlich stärksten Momente, und sie beweisen, wie sehr sie sich offensichtlich selbst dieser Landschaft verbunden fühlt.

Els, eine alte Frau, die die Flucht antritt und doch wieder neu anfängt, auf der Suche nach der eigenen, inneren Heimat oder auf dem Weg zum Ankommen. Was in der ersten Hälfte des Buches eine intensive Beschreibung einer Atmosphäre des einsamen Menschen in einer unendlichen Landschaft ist, führt Christine Fischer dann in einer spannenden inneren Dramatik weiter. Der Text wird dichter. Die Kapitelüberschrift «Bruchharst», die dem Schnee gilt, wird unmerklich zur Metapher für die Veränderungen in einer Biographie. Es liegt ein Fiebertraum dazwischen, bis sich das Fremde in Els' Leben Platz machen darf. Das Fremde wird bei Christine Fischer auch durch das Jugendliche definiert. Anne und Jonas tauchen auf, zwei Gegenfiguren, die aber auch unterwegs sind, die weiterziehen wollen oder müssen.

Hartnäckiges Fragen

Auf Christine Fischers Sprache muss man sich einlassen. Sie ist dicht, fast kondensiert und eindringlich. Auch jedes Detail will eine feste Bedeutung bekommen. Els stellt Fragen, die Fragen eines jeden Lebens sind. Wann ist ein Lebensweg ein freier und selbstbestimmter, wie wandelt sich Festgelegtes in Eigenverantwortetes? Habe ich im Leben nichts von dem ablegen können, was mir aufgezwungen worden war? Muss ich immer wieder zu meinem Ursprung zurückkehren wie der Bumerang zu seinem Werfer? Christine Fischer stellt diese Fragen mit ihrer Heldin hartnäckig. Eingestreut sind in den dichten Text kursiv kleine Aphorismen, Lebensbetrachtungen, die allerdings bisweilen etwas pathetisch und alltagsphilosophisch daherkommen.

Buchvernissage: Heute Do, Raum für Literatur (Hauptpost, 3. OG, St. Leonhard-Strasse 40), 19.30 Uhr. Das Buch ist aktuell im Appenzeller Verlag Herisau erschienen.

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